Abschied von der Weltkultur

30. Oktober 2007, 09:57
66 Postings

In Chinguetti, einer Karawanenstadt in der Sahara, droht wegen gestiegener Temperaturen jahrhundertealten Bibliotheken und einzigartigem Schriftgut das Aus

Im Morgengrauen trotten die Kamele durch das fast immer trocken liegenden Wadi, der durch Chinguetti im Nordosten Mauretaniens führt. Den Rest des Tages werden sie in den Dünen der Sahara verbringen, die die alte Karawanenstadt umschließen. Im 12. Jahrhundert war die Stadt der Knotenpunkt im Handel mit Gold und Elfenbein. Mit den Waren aus dem Orient kam auch der muslimische Glaube.

Bis heute ist Chinguetti eine der heiligen Städte im Islam, ein Zentrum der Glaubensgelehrten. Und auch die Märkte beherrschen noch immer die Gassen in der 1917 gegründeten Neustadt. Hier wird alles verkauft, was man in der schier endlosen Wüste braucht. Frische Baguettes werden durch die Straßen getragen, verschleierte Händlerinnen bieten Tomaten und frische Datteln an. Chinguetti ist einer der letzten Außenposten, mit Pisten an den Rest des westafrikanischen Wüstenstaats angebunden.

Doch während das Leben in der Neustadt blüht, ist in der Altstadt jenseits des Wadis kaum eine Menschenseele unterwegs. Einer der wenigen, der hier noch die Stellung hält, ist Saif Islam. Er ist der jüngste Spross einer Familie, die seit Jahrhunderten einzigartige Bücher und Schriften in einer Privatbibliothek aufbewahrt. Mehrere Bibliotheken wie die von Saif Islam sind ein Grund dafür, warum die Unesco Chinguetti zum Weltkulturerbe ernannt hat.

Seine einzigartigen Schriften, viele auf Antilopen- oder Kamelhaut verfasst, bewahrt der Bibliothekar in Pappschubern auf. Damit will er sie gegen Termiten und sonstige Gefahren schützen. Stolz zieht er ein ledergebundenes Werk aus einer der Schachteln. "Dies ist eines der größten Bücher, die ich habe, es stammt aus dem siebzehnten Jahrhundert: Der Hadith, die Worte des Propheten." Doch ob Saif Islams Hadith noch lange erhalten bleibt, ist ungewiss. Das Unesco-Komitee für das Welterbe hat Ende 2006 eine alarmierende Warnung über die Folgen des Klimawandels für die Stätten des Weltkulturerbes veröffentlicht: "Antike Stätten sind für ein bestimmtes Mikroklima gebaut worden und werden durch den Klimawandel in ihrem Bestand bedroht."

Dass sich das Klima geändert hat, das sagt auch Saif Islam. Er bemerkt, wie Papiere brüchiger werden, weil die Temperaturen seit Beginn der 90er-Jahre stetig zugenommen haben. Weil es generell heißer und trockener geworden ist als in der Wüste ohnehin schon, rücken zudem die Dünen viel stärker vor. "Diese Stadt ist bedroht, akut bedroht", meint Saif Islam, während er sich den Schweiß aus der Stirn wischt. "Wenn die Wüste weiter in die Stadt vormarschiert, wird die Bibliothek verschüttet und muss in die Neustadt verlegt werden."

Ring aus Sand

Schon jetzt ist von Chinguettis Altstadt kaum mehr übrig als Ruinen, versunken im Sand. Auch um Saif Islams Bibliothek liegt ein Ring aus Sand. Neuerdings tragen auch seltene, aber heftige Regenfälle zur Zerstörung der Fundamente bei. "Andere Gebäude bröckeln weg, weil die Hitze den Boden auflöst, auf dem sie stehen", ergänzt der Unesco-Generaldirektor für Afrika, Joseph Massaquoi. Ein Wechselspiel der Extreme, in dem Chinguetti und sein einzigartiges kulturelles Erbe unterzugehen drohen.

Gerade in Entwicklungsländern wie Mauretanien, so warnt Massaquoi, gehe durch den Klimawandel nicht nur das Bewusstsein für die Geschichte verloren. "Es geht um Existenzen: Die Leute leben von Touristen, die die Kulturdenkmäler sehen wollen - bleiben sie weg, breitet sich Armut aus." (Marc Engelhardt aus Chinguetti/DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2007)

  • Saif Islam verschließt seine Privatbücherei - der Klimawandel gefährdet Gebäude und Dokumente.
    foto: standard/engelhardt

    Saif Islam verschließt seine Privatbücherei - der Klimawandel gefährdet Gebäude und Dokumente.

Share if you care.