"Ich sehe keinen Sinn in individuellen Gaben"

23. November 2007, 12:30
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Libertina Amathila, stellvertretende Ministerpräsidentin, kritisiert Landreform und Privilegien der Chiefs – Ein Interview aus dem Afrika-Magazin Indaba

Libertina Amathila, vor vielen Jahren erste schwarze Kinderärztin Namibias (im Exil in Angola) und heutige stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes, kritisiert in der aktuellen Ausgabe des Afrika-Magazins Indaba Namibias Landreform sowie die Privilegien für traditionelle Chiefs und spricht sich für die Sesshaftwerdung und Förderung der San aus. Das Gespräch führte Walter Sauer am Rande einer internationalen Konferenz für Verwaltungsreform in Wien.

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Während Ihres Besuchs in Wien haben Sie Vizekanzler Wilhelm Molterer getroffen. Danach wurde berichtet, dass Namibia seine Unterstützung für die Kandidatur Österreichs für einen Sitz im UN-Sicherheitsrat zum Ausdruck gebracht habe.

Ja, das stimmt.

Namibia unterstützt also Österreich, aber unterstützt Österreich auch Namibia?

Ich bin überzeugt davon, dass sich unser Verhältnis jetzt, da wir eine Botschafterin hier haben, sehr verbessert. Seit ihrer Ankunft vor sieben Monaten hat sie sehr hart gearbeitet, und ich glaube, unsere Beziehungen vertiefen sich zusehends.

Hat Molterer Ihnen etwas Konkretes vorgeschlagen?

Wir haben viele Dinge diskutiert, auch Stipendien. Wir haben eine beachtliche Anzahl von jungen Menschen, die in Deutschland studiert haben, die in der alten DDR aufgewachsen sind; wir haben in Namibia drei deutschsprachige Schulen, es sollte also kein Problem darstellen, diese Leute auf einen Stipendienaufenthalt zu schicken. Weiters, da Ihr Bundespräsident beabsichtigt, nach Afrika zu reisen, haben wir gebeten, dass er nicht vergessen möge, auch nach Namibia zu kommen. Das ist eine Möglichkeit, unsere Beziehungen zu vertiefen.

Was sind Ihre wichtigsten Anliegen als stellvertretende Premierministerin?

Als Vize-Premierministerin habe ich natürlich eine große Verantwortung. Aber meine Priorität ist die Verbesserung der Lebensumstände der am stärksten marginalisierten Menschen Namibias, der San. Ich bin durch Namibia gereist um herauszufinden, wo sie sind und wie sie leben. Es war ein tiefer Schock für mich zu erkennen, dass wir sie weitgehend vergessen haben. Darum habe ich alles daran gesetzt, das „San Development Projekt“ zu verwirklichen, welches in meinem Büro bearbeitet wird. Ich helfe hier mit Stipendien. Denn von der 7. zur 8. Klasse verlassen viele San-Kinder aus Armut die Schule, 60 Prozent der San-Kinder erreichen das 10. Schuljahr nicht. Die Eltern können sich Schulgeld, Uniformen, Kosten für die Unterbringung nicht leisten.

Worin besteht Arbeit des „San Development Projekts“

Unser Budget umfasst rund 400.000 Nam-Dollar. Das ist natürlich so gut wie nichts. Wir verwenden das Geld, um bei der Bezahlung von Schulgebühren zu helfen, um Hygieneartikel zu kaufen, damit die Kinder sauber sind und in die Schule gehen können. Wir sehen auch schon einen Fortschritt innerhalb einer kurzen Zeit.

Warum kommt es so oft vor, dass Regierungen in dieser Region dazu tendieren, die San zu übersehen?

Nun, das weiß ich nicht wirklich, sie sind eben übergangen worden. Als wir das Bantustan-Regime hatten, gab es für alle Volksgruppen ein eigenes Gebiet. Die San jedoch wurden ausgelassen. Später hatten sie dann etwas, das Buschmannland genannt wurde. Aber niemand hat sie dort wirklich unterstützt. Zur Unabhängigkeit versuchten wir, sie zu integrieren, im Sinne von „Ein Namibia, eine Nation“, aber da die San mit anderen Volksgruppen vermischt waren, erhielten sie keine spezielle Aufmerksamkeit. Die Regierung hat nun einen langfristigen Entwicklungsplan angenommen, „Vision 2030“, der den Lebensstandard aller Menschen in Namibia nahe an denjenigen in den entwickelten Ländern heranbringen soll.

Der Minister für Umwelt und Tourismus, Konjore, hat verkündet, dass die Regierung zwei Farmen kaufen und den Hai//om („Buschleute“) zur Verfügung stellen werde.

De hat sich bis jetzt leider noch nicht erfüllt. Aber ich kämpfe darum, diese zwei Farmen zu erhalten! Und ich bin zuversichtlich, dass es mir gelingen wird ...

... aber der Minister hat sie doch schon öffentlich verkündet.

Er hat eine Ankündigung gemacht, aber bis jetzt wurden noch keine Farmen gekauft. Ich weiß nicht, wo das Problem liegt. Jeder hat irgendeine Entschuldigung: die Farmer wollen, dass wir sie enteignen, wegen der Entschädigungszahlungen. Und die Regierung möchte, dass die Farmen verkauft werden. Aber ich werde nicht locker lassen. Sobald man Land für die San hat, und sobald man ihnen dann noch hilft, können sie sich auch allein ernähren.

Landumverteilung bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Armut beseitigt wird. Die Menschen brauchen Ausbildung, Ausrüstung, Kredite.

Genau, sie sollten Ausbildung bekommen, wir helfen ihnen mit den Wohnmöglichkeiten. Es reicht nicht zu sagen: „Ok, hier sind die beiden Farmen und jetzt tschüß!“ Unsere Landreform könnte fehlschlagen, wenn wir die Leute auf Farmen setzen und sie dann sich selbst überlassen. Die Farmen werden wieder zu kommunalem Land. Deshalb möchte ich selbst bei den San sein und sicherstellen, dass sie unterstützt werden (lacht).

Stimmt es, dass Namibia Berater für Landreform aus Zimbabwe zuzieht?

Nein, davon habe ich noch nie gehört. Unsere Reform erfolgt völlig im Einklang mit der Verfassung. Unsere Sorge betrifft nicht eine Landreform als solche, denn die ist besonders in Anbetracht der Geschichte von Enteignungen während der Kolonialzeit legitim.

Eines Ihrer Nachbarländer hat sich für eine „schnelle“ Landreform entschieden. Dort ist die landwirtschaftliche Produktion ruiniert.

Genau darüber spreche ich. Viele unserer schwarzen Menschen kennen sich mit landwirtschaftlicher Arbeit aus. Es gibt jedoch noch einen anderen Aspekt: Wenn man eine Farm hat, muss man jene auch managen. Eine Farm bedeutet sehr viel Arbeit, man muss sie führen. Das bedeutet nicht nur, vor Ort zu sein, man muss auch Wohnungen für die Arbeiter beschaffen. Es funktioniert nicht, sich eine Farm zu beschaffen, um sich dann niederzusetzen. Nichts geschieht automatisch. Man muss den Leuten zeigen, wie man Farmen führt.

In Deutschland gab es im Parlament eine Debatte über den Genozid von 1904. Wie stellt sich Namibia zu diesem Thema?

Diese Frage wurde von den Sprechern der Herero aufgeworfen, es geht um Wiedergutmachung. Die namibische Regierung unterstützt jene, die unter dem Genozid gelitten haben. Nun stellt sich die Frage: ist es besser Geld zu geben, wie soll man das Geld verteilen, wem soll man es geben, handelt es sich dabei um individuelle Beiträge an die herero-, nama- oder damara-sprechenden Menschen, an einen nach dem anderen, oder ist es besser, mit Projekten zu kommen, welche die Leute in dieser Region unterstützen?

Ich bin für letzteren Weg. Meiner Erfahrung nach ist es so, wenn man heute 20.000 Euro hergibt, weiß man morgen nicht mehr, was damit geschehen ist, wohin das Geld verschwunden ist (lacht). Aber, wenn man ein Projekt geschaffen hat, kann man mit dem Finger darauf zeigen und sagen: „Hier, das ist es was wir getan haben, das ist die Schule, die wir gebaut haben", etc. Wenn es so gemacht wird, dann ist das in Ordnung. Ich sehe keinen Sinn in individuellen Gaben, es geht um die Gemeinschaft.

Ist der Eindruck, dass die traditionellen Führer in Namibia zunehmend an Bedeutung gewinnen, richtig?

Ja, sie sind wieder wichtiger geworden, weil wir den Fehler begangen haben, traditionelle Führer zu bezahlen. Dabei ist herausgekommen, dass das Ganze ein "Unternehmen" für Arbeitsplatzbeschaffung wurde. Natürlich hatten wir früher ernstzunehmende traditionelle Führer, sie haben eine sehr wichtige Rolle gespielt. Aber nun möchte jede noch so kleine Volksgruppe einen eigenen Chief. Jeder möchte eine „traditionelle Autorität“ werden, weil ein Einkommen damit verbunden ist.

Sie plädieren für eine Änderung dieser Politik?

Ja. Vielleicht sollten wir einen vorläufigen Stopp für die Chiefs, die neu anerkannt werden wollen, setzen. Hinzu kommt, das traditionelle Führer auch die Volksgruppen spalten. So gab es zum Beispiel früher nur einen Damara Raad, mit einem einzigen Chief. Jetzt aber haben sich die Damara gespalten, und jede Gruppe möchte ihren eigenen Führer haben. und das spaltet wiederum die Nation. Wir müssen einen Ausweg finden, aber dazu scheint es inzwischen schon zu spät zu sein: die traditionellen Führer sind nun da, und wir können sie nicht von ihrer Position verweisen.

Der ehemalige Premierminister von Namibia, Theo-Ben Gurirab, meinte 2003: „Junge Leute werden an die Spitze kommen und eine neue Phase in unserer Geschichte wird beginnen.“ Inwieweit ist dies geschehen?

Wir haben in der Tat seit zwei Jahren einen neuen Präsident, Pohamba, der auch am Freiheitskampf beteiligt war – die gleiche alte Garde, ein neuer Präsident. Ich gehöre ebenfalls zur alten Garde (lacht), und Gurirab, der Sprecher der Nationalversammlung, ebenfalls. Wir sind bis jetzt nicht verschwunden. Es muss Kontinuität geben, die jungen Leute müssen sich unter uns mischen, ob sie es wollen oder nicht (lacht). Wir haben Erfahrung. Es gibt ein paar neue und junge Menschen in der Regierung. Man muss langsam abbauen, einige Leute sind gegangen, andere gekommen.

Geht es dabei nicht nur um das tatsächliche Alter, sondern um neue, junge Ideen.

Ja, man braucht junge Leute mit neuen Ideen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir neue Ideen von ihnen erhalten werden (lacht). Man braucht neue Ideen, aber man braucht auch Erfahrung. Das Beste ist, nicht zu lange in einem Ministerium zu bleiben.

Was wird der kommende SWAPO-Kongress an neuen Ideen hinsichtlich eines Wechsels in Namibia beisteuern können?

Dort, wo Frauen in verantwortlichen Positionen sitzen, geschieht viel. Es wäre gut, wenn mehr Frauen in der Regierung sind. Ich glaube, das wird eine der Änderungen sein, die während dieses Kongresses stattfinden werden.

(Gekürzte Fassung. Der Volltext des Artikels erscheint in der aktuellen Ausgabe von Indaba.)

  • Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.
    foto: sadocc

    Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.

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    Nambia unterstützt Österreichs Kandidatur für einen Sitz im UN-Sicherheitsrat.
    Im Bild: Handshake zwischen Libertina Amathila, der stellvertretenden namibischen Premierministerin und Finanzminister Wilhelm Molterer im Juni in Wien.

  • Libertina Amathila: "Wir bezahlen die traditionellen Führer, und vielleicht war es falsch, dass wir damit begonnen haben."
    foto: sadocc/daniel leidenfrost

    Libertina Amathila: "Wir bezahlen die traditionellen Führer, und vielleicht war es falsch, dass wir damit begonnen haben."

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