Lehrer lassen Multikulturalität ungenutzt

19. Oktober 2007, 11:06
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Eine Studie zeigt: Das Kennenlernern anderer Kulturen im Unterricht ist an Wiener Hauptschulen unterrepräsentiert

Wien - Das seit Beginn der 1990er Jahre geltende Unterrichtsprinzip "Interkulturelles Lernen" ist für die meisten Lehrer an multikulturellen Wiener Hauptschulen unbedeutend. Das zeigt eine Studie der beiden Bildungspsychologinnen Dagmar Strohmeier und Anita Fricker von der Psychologie-Fakultät der Uni Wien. Dementsprechend werden die Ziele des Prinzips wie das Kennenlernen anderer Kulturen oder das Wecken von Interesse und Neugier an kulturellen Unterschieden bei den Kindern nicht erreicht, wie die Ergebnisse einer Schülerbefragung zeigen.

"Interkulturelles Lernen"

Für die Studie wurden 26 Lehrer und mehr als 120 Schüler an zwei multikulturell ausgerichteten Wiener Hauptschulen, die als Kooperative Mittelschulen geführt werden, befragt. Bei den Schülern hatten 40 Prozent eine Muttersprache aus dem ehemaligen Jugoslawien, 29 Prozent als Muttersprache Türkisch, 20 Prozent Deutsch und elf Prozent eine andere Sprache.

Befragt nach den wichtigsten Unterrichtsprinzipien, nannten nur zwei Pädagogen "Interkulturelles Lernen" an erster Stelle. Bei 70 Prozent der Lehrer kam "Interkulturelles Lernen" dagegen gar nicht vor. Unter der Bezeichnung versteht man das Kennenlernern anderer Kulturen im Unterricht, das gemeinsame Lernen, Begreifen, Erleben und Mitgestalten kultureller Werte, das Wecken von Interesse und Neugier an kulturellen Unterschieden sowie das Einbringen von Kenntnissen der Muttersprache im Unterricht.

Wenig wissen über andere Kulturen

Dementsprechend wenig konnten auch die Schüler mit anderen Kulturen anfangen. Insgesamt waren nur elf Schüler (neun Prozent) in der Lage, alle in der eigenen Klasse gesprochenen Muttersprachen korrekt zu benennen. Nur 61 Prozent konnten angeben, welche Sprachen in der eigenen Klasse überhaupt gesprochen werden. Bei einem eigens für die Untersuchung konstruierten Wissenstest mit einfachen Fragen über bestimmte Aspekte von in Österreich lebenden Immigrantenkulturen sowie der österreichischen Kultur konnten die Schüler weniger als die Hälfte der Fragen richtig beantworten. Speisen, Bräuche, Begrüßungsformen sowie Namen von Städten und Ländern nahmen einen "überaus niedrigen Stellenwert im Unterricht" ein.

Interessanter Teilaspekt: Schüler mit deutscher Muttersprache schnitten bei dem Test am schlechtesten ab, Kinder mit türkischer Muttersprache am besten. (APA)

  • Laut einer Studie ist das Unterrichtsprinzip "Interkulturelles Lernen" an Wiener Hauptschulen stark unterrepräsentiert.
    foto: derstandard/burgstaller

    Laut einer Studie ist das Unterrichtsprinzip "Interkulturelles Lernen" an Wiener Hauptschulen stark unterrepräsentiert.

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