Schwere Unwetter über einem Domizil auf Zeit

15. Oktober 2007, 17:45
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Ödon von Horváths "Zur schönen Aussicht" und Wolf Haas' "Das Wetter vor 15 Jahren" im Schauspiel Graz

Graz – Im Grazer Schauspielhaus folgen die Komödienpremieren in schneller Folge, zuletzt zweimal unter dem Motto "Menschen im Hotel". Ödön von Horváths Zur schönen Aussicht entstand in den 1920er-Jahren, als der junge Dramatiker und Autor sich im oberbayrischen Murnau von einer heruntergekommenen Pension und deren zweifelhaften Gästen zu galligen Bildern inspirieren ließ. Seine Nachkriegsglücksritter versieht Regisseurin Claudia Bauer mit postkommunistischem Kolorit und untermalt die seelische und materielle Öde einer zusammengewürfelten Notgemeinschaft mit der Sentimentalität slawischer Liedfetzen zu Akkordeonbegleitung.

Grelle Illusionen

In grellen Farben stellt sie die Lebenslüge heraus, die Illusion, die dem Hotel als flüchtiger Heimat innewohnt, und verortet bösartige Schwächen und triviale Gedanken auf der Zielgeraden männlicher Gewalt. Hervorragend meistert Steffi Krautz den vom Alkohol diktierten Wechsel von Machtbewusstsein und Schwäche ihrer verlebten Ada, wie eine Gewittererscheinung kommt und geht Jaschka Lämmert als junge Christine. Hendrik Scheels hohes Bühnenoval mit Kristall-Luster kündet vom einst großzügigen Zuschnitt des Hauses, auf dessen Talsohle nun Sex, Aggression und Weingeist über zweifelhafte Vergangenheiten, miese Gegenwart und fehlende Zukunft hinweghelfen sollen.

Eindeutigeren Unterhaltungswert hat die Dramatisierung des jüngsten Haas-Romans Das Wetter vor 15 Jahren auf der Probebühne, eine Koproduktion mit der Kunstuniversität Graz. Geschickt wurde die komplizierte Erzählstruktur des Romans (in dem der Autor selbst als Figur in einem Interview über den Plot erzählt) in die Interaktion zwischen fünf SchauspielerInnen, die jeweils in mehrere Rollen schlüpfen, und auf das szenische Spiel übertragen.

Die StudentInnen des Faches Schauspiel nähern sich dem Stück unbefangen, Regisseurin Sandra Schüddekopf lässt sie frisch agieren und schafft eine von witzigen Einfällen geprägte Produktion, bei der das Niveau einer gelungenen Studentenaufführung mehr als nur einmal überboten wird. (frak /DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2007)

  • Wetterwendisch: tierische Wolf-Haas-Figuren.
    foto: schauspielhaus graz / johannes gellner

    Wetterwendisch: tierische Wolf-Haas-Figuren.

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