"Wirtschaftsflüchtling"

8. Oktober 2007, 19:16
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Leute wie Herr Zogaj sollten eher willkommen sein

Herr Devad Zogaj hat sich von einem Schlepper aus dem Kosovo nach Österreich bringen lassen und dort um Asyl angesucht. Als er eine Arbeit gefunden hatte, ließ er seine Familie nachkommen, obwohl sein Asylantrag bereits abschlägig beschieden war. Er ist ein "Wirtschaftsflüchtling".

So die sicherlich von den nackten Fakten her zutreffende Darstellung dreier Spitzenbeamter des Innenministeriums, die Minister Platter am Sonntag ausrücken ließ, um die "rechtliche Seite darzustellen" (er selbst hatte keine Zeit, musste vermutlich in Tirol in die Frühmesse gehen).

Dass man den Fall auch anders hätte lösen können, nämlich humanitär, und ohne zwei kleine Kinder ohne Mutter in den Kosovo abzuschieben und eine 15-Jährige in den Untergrund zu treiben, ist die eine Sache.

Ein anderer, vermutlich weniger populärer Aspekt ist aber: Leute wie Herr Zogaj sollten eher willkommen sein.

Wirtschaftsflüchtlinge sind, in der Begrifflichkeit von vielen Politikern, Medien und Wählern, Menschen, die aus armen Gebieten zu uns kommen und an unserem Wohlstand teilhaben wollen. Ja, und?

"Wirtschaftsflüchtlinge" sind meistens die mit der größten persönlichen, oft auch unternehmerischen Energie. Es bedarf einiges an Mut, Umsicht, Durchsetzungskraft, die Brücken abzubrechen, vieles zu riskieren, um anderswo eine Existenz aufzubauen. Man braucht Ausdauer, Sparsamkeit und Arbeitswillen, um irgendeinen unangenehmen Job im fremden Land zu übernehmen.

Herr Zogaj arbeitete auf einer Geflügelfarm. Das ist schmutzige, schlecht bezahlte Arbeit, für die der Unternehmer im reichen Oberösterreich unter den "echten Österreichern" vermutlich gar nicht so leicht jemand gefunden hat. Herr Zogaj arbeitete hart, um seinen Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Aber er war ein "Wirtschaftsflüchtling".

"Wirtschaftsflüchtlinge" sind auch die philippinischen, chinesischen und südkoreanischen Krankenschwestern, die den Krone-Lesern im AKH die Leibschüssel drunterschieben. "Wirtschaftsflüchtlinge" waren die Ostblock-Insassen, die bei jeder Gelegenheit zu uns flüchteten.

Die USA sind eine Nation von Wirtschaftsflüchtlingen, von Iren, Schotten, Deutschen, Russen, Polen, usw., die im 19. Jahrhundert aus den tristen Verhältnissen Europas flohen. Im 20. Jahrhundert kamen die Italiener, die Asiaten, die Latinos dazu. Ohne Asiaten keine kleinen Geschäfte, ohne Latinos keine Landarbeiter.

Die türkischen Obst- und Gemüsehändler auf den Märkten Wiens sind "Wirtschaftsflüchtlinge". Attila Dogudan, bzw. seine Familie waren Wirtschaftsflüchtlinge. Die Slowakinnen, ohne die die Pflege unserer Alten unleistbar wäre, sind ebenfalls Wirtschaftsflüchtlinge.

Der Kosovo ist eine trostlose Gegend. Normale Arbeit wird es dort auf Jahre nicht geben. Eine Folge ist eine enorme organisierte Kriminalität, die durch das Clan-Denken der Albaner noch befördert wird. Aber die positive Seite ist eben der enge Familienzusammenhalt.

Selbstverständlich müssen wir - auch - nach unseren Interessen aussuchen, wen wir aufnehmen (meint zu Recht Gusenbauer). Aber wir können eben nicht nur Molekularbiologen brauchen (und die werden von unserem famosen Fremdenrecht auch schikaniert). Familien wie die des Herrn Zogaj sind in zweiter Generation meist schon Mittelschicht - wenn sie bleiben dürfen. So ist das nämlich meist mit den "Wirtschaftsflüchtlingen". (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2007)

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