Grün bis hinter die Ohren

12. Oktober 2007, 15:30
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Madeira wünscht sich eine Verjüngung seiner Gästestruktur

Beim Schlittenfahren geht es abwärts und somit auch dem Meer entgegen. Selten allerdings unter Palmen und mit Blick auf den Atlantik. In Madeiras Hauptstadt Funchal ist dieses Vergnügen einem findigen Bürger zu verdanken, dessen kranke Frau von ihrer Villa in Monte hinunter in die Stadt gelangen musste. Der Korbschlitten war erfunden. Bis heute werden Touristen in geflochtenen Rodeln mit hölzernen Kufen von jeweils zwei Einheimischen durch die steilen Gassen hinabgelotst.

Spaziert man anschließend durch die charmante Altstadt, tauchen immer wieder Gondeln zwischen den Dächern auf. Ein österreichischer Hersteller hat diese Seilbahn in den 1980er-Jahren errichtet, die heute Funchal mit Monte verbindet. Und das milde Klima trägt das Seine dazu bei, dass sich Österreicher hier schon immer wie zu Hause gefühlt haben - vor allem die Generation 40 plus. Und davon zeugen nicht nur die Statuen von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Karl I.

Sisis Jungbrunnen

Nun ist es aber so, dass es zum erklärten Ziel der Tourismusverantwortlichen auf der Insel gehört, wieder jüngere Gäste vom Kontinent für die Insel zu begeistern. Schlitten- und Gondelfahrten, Wandern und ein bisschen Sisi-Flair wären ja bereits bewährte Anknüpfungspunkte, mit denen jedenfalls die jungen Österreicher bestens vertraut sind.

Wil de Jong hat allerdings beschlossen, sich der Jungen mit gebührender Portion an Aktivität und Exotik anzunehmen, um ihnen eine Bergwelt zu präsentieren, die sich doch deutlich von der heimischen unterscheidet. "Vom Mountainbiking über Klettern und Segeln bis zum Schwimmen mit Delfinen in ihrem natürlichen Lebensraum ist hier alles möglich", versichert die Mitarbeiterin von JC Tours. Ob nun radelnd die zweithöchste Steilküste der Welt bezwungen wird oder ein Gipfelsturm auf den Pico Ruivo auf dem Programm steht, man ist bemüht, sich als bildhübsche Herausforderung an den Aktivurlauber zu präsentieren.

Madeira selbst beantwortet die angestrebte Verjüngungskur der Gästestruktur mit einer ungebrochenen Tendenz zur phlegmatischen Ruhe: Die meisten Hotels setzen noch immer auf bewährte klassische Landhauselemente. Zierteppiche, die gepolsterte Couch und schwere Holzmöbel dominieren die Einrichtung. Ein sehr gediegenes, unaufgeregtes Ambiente zweifelsohne. Kurzum, die Ruhe muss man hier gar nicht erst suchen: Den Pool hat man, auch wenn die Hotelmanager unisono zweimal darauf hinweisen, dass das Haus ausgebucht sei, nachmittags ganz für sich allein. Vielleicht wäre es voreilig, einen Anti-Aging-Eingriff an diesen Strukturen vorzunehmen, denn derzeit bietet sich in den "Charming Hotels" oder im direkt auf einer Klippe neu erbauten CS Hotel ein erprobt entspanntes Bild.

Da macht das Golden Residence Hotel keine Ausnahme. Eine eigene Krankenschwester steht den Gästen hier sogar zur Verfügung. Aber auch hier fällt auf: Chronische Wehwechen muss sie wesentlich öfter kurieren als akute Sportverletzungen. Der Spa-Bereich und ein abwechslungsreiches Wellnessprogramm garantieren, dass die Urlaubslaune auch dann erhalten bleibt, wenn sich starker Regen den Outdoor-Plänen längerfristig in den Weg stellt.

Traditionelle Fusion

Vielleicht gelingt die Verjüngung der Insel ja über neue, aufregende Kreationen, die aus den madeirensischen Küchen kommen. Weit gefehlt: Mit ihren portugiesischen, englischen und marokkanischen Einflüssen bleibt sie streng einer alten, aber immerhin bewährten Fusion-Tradition verpflichtet. Mittags etwa wird seit Urzeiten Espada serviert, das war schon immer so. Das selbstverständlich auch im Vintagestil dekorierte Restaurant "Jardins do Lago" versteht es, ihn besonders traditionell zuzubereiten, was auch bedeutet, den wenig ansehnlichen Degenfisch optisch ordentlich aufzupeppen. Und, wie könnte es anders sein, nach dem ausgiebigen Mittagessen wird das obligate Gläschen Madeira-Wein serviert. Nebenbei findet man noch Zeit, sich auf die Bedeutung des traditionellen Zuckerrohranbaus hinweisen zu lassen.

Natürlich begeht auch die Markthalle in Funchal keinen leichtfertigen Bruch mit alten Traditionen, nur weil einige Tourismusmanager um jüngere Gäste buhlen. Die Blumenhändlerinnen verkaufen wie gehabt vor traditionellen blau-weißen Kacheln ihre duftende, farbenfrohe Pracht bündelweise an Einheimische und Gäste über vierzig. Hochsaison haben sie allerdings erst wieder im Frühsommer, wenn die großen Feste der Lokalheiligen stattfinden. Denn die sind nach wie vor einer der Hauptgründe für Madeira-Urlauber aller Altersstufen, auf die Insel zu kommen.

Ein Abendessen im Hotelrestaurant "Adega da Quinta" mit Panoramablick über das Meer und Funchal macht auch der letzten verbliebenen Illusion, Madeira müsse nun von heute auf morgen hip und stylish werden, endgültig den Garaus. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne werden zwar von Glasfassaden einiger Hotels reflektiert, die vor wenigen Jahren noch nicht hier standen, aber sonst bleibt die Situation klar ein romantischer Klassiker. Bei einem Stück handgeschöpfter steirischer Schokolade, die hier nun auch mit Madeira-Wein veredelt wird, einigt man sich darauf, dass selbst ein aus dem Nichts aufgetauchter Österreich-Bezug Madeiras Traditionen nichts anhaben kann. Vielleicht wird man sich auch in Zukunft darüber verständigen, dass niemand zu jung oder zu alt ist, um reif für diese Insel zu sein. (Josef C. Ladenhauf/Der Standard/Printausgabe/29./20.09.2007)

  • Darf beim Essen niemals fehlen: der obligate Madeira-Wein.
    foto: tourismusamt madeira

    Darf beim Essen niemals fehlen: der obligate Madeira-Wein.

  • Tradition ist am Markt von Funchal kein künstliches Produkt sondern gelebte Wirklichkeit.
    foto: tourismusamt madeira

    Tradition ist am Markt von Funchal kein künstliches Produkt sondern gelebte Wirklichkeit.

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