Mit neuem Ernst in den Theater-Libanon

27. September 2007, 19:12
posten

Regisseur Stefan Bachmann über Wajdi Mouawads "Verbrennungen" vor der Premiere am Wiener Akademietheater

Wien – Der frankofone Teil Kanadas liegt vom Libanon Tausende von Kilometern entfernt. Und doch wird ein libanesisch-stämmiges Geschwisterpaar durch den Tod der zu Lebzeiten mysteriös verstummten Mutter nachhaltig auf seine Herkunft zurückgeworfen.

In dem Stück "Verbrennungen" des Frankokanadiers Wajdi Mouawad, das am Freitag am Wiener Akademietheater erstaufgeführt wird (19 Uhr), werden vergessen geglaubte Familienwurzeln aus kriegsverbrannter Erde herausgeschürft. Mouawads von Sentimentalitäten nicht ganz freies Drama beschreibt eine Reise ins Herz der Familienfinsternis: ein analytisches ehrwürdiges Unternehmen, das den Text in eine Reihe mit Ödipus oder den schockierenden Aufdeckungsdramen der angelsächsischen Aufklärer stellt.

Ein Stück, das Regisseur Stefan Bachmann (41) "emotional berührt und auch formal sehr interessiert" hat: Dieser Satz klänge entsetzlich formelhaft – fiele er nicht im Gespräch mit einem Luftgeist, der als freier Inszenierungskünstler, vor allem aber als Basler Schauspieldirektor (1998 bis 2005) durch verblüffende Leichtigkeitsübungen Furore machte. Worauf eine veritable Sinnkrise folgte – der sich Bachmann durch eine Weltreise entzog.

Aber der Reihe nach. "Es ist nicht ganz unproblematisch, auf dem Theater vom Krieg zu erzählen", führt Bachmann aus. Der Libanon der 1970er-Jahre liege unendlich fern.

"Dürfen wir uns als Verschonte erdreisten, zu dem Thema etwas zu sagen?", fragt Bachmann. In den 1990er-Jahren, als Wunderknabe aus der "Factory" des Berliner "Theaters Effekt", aus dem auch andere Meisterbegabungen wie Ricarda Beilharz, Lars-Ole Walburg oder Thomas Jonigk hervorgingen, hätte Bachmann einen solchen Anspruch womöglich belächelt.

Vom Plüsch zum Krieg

Doch die Zeiten haben sich drastisch geändert. Das Stück Verbrennungen wage sich "in emotionaler Hinsicht weit hinaus." Das Original sei "ein wenig zu ausufernd und ornamental". Aus Ornamenten formte Bachmann früher die schönsten Kringel – von ihnen wurde seine Kunst auskömmlich ernährt. Wer wird je Bachmanns Uraufführungsinszenierung von Rainald Goetz' Kulturbetriebsjargon-Etüde "Jeff Koons" 1999 am Hamburger Schauspielhaus vergessen: als zum Off-Geräusch salbungsvoller Kuratorenworte Plüschtiere wie der rosarote Panther im Kunstgalerien-Pferch hektoliterweise Schlagobers ejakulierten?

Der "neue" Bachmann wirkt ernster, geradliniger, geläuterter. Ihm sei heute die "Naivität" auf dem Theater grundsympathisch. Man müsse die Zuschauer "mit auf eine Reise nehmen", und sei diese noch so unbehaglich. Er, Bachmann, betreibe keine Kollegenschelte, wenn er sage: In unseren Breiten besitze das Theater eine Abgehobenheit, "indem es sich ausschließlich selbstreferentiell für Formen interessiert".

Die Weltreise muss Bachmann, den ehemals frohlockenden Jüngling mit dem Ulk-Muskel, verändert haben. Woanders würde versucht, "Geschichten zu erzählen – über die Welt, in der man lebt". Theater absorbiere. Man könne sich darin sehr leicht auflösen, man werde zum geölten Rad im Getriebe.

Wie war das aber damals, als nach fulminantem Beginn die Basler Zuschauer sich vielfach von dem jungen Wilden abwandten? "Ich habe zum Beispiel kapiert", sagt Bachmann, "dass Theater für Menschen gemacht wird – dass für Leute erzählt wird. Denn kein Regisseur ist davor gefeit, Theater für Kollegen zu machen. Die so genannten 'Bürger' in Basel waren ja keine anonyme Menge – das musste ich erst lernen. Zuschauer wollen manchmal eben nicht um eine Geschichte betrogen werden."

Bei ihm hätte gearbeitet, was jetzt Rang und Namen besitzt: Stemann, Nübling, Thalheimer, Pucher. Bachmann bedauert nichts: "Wenn ich mich so umgucke: Wie radikal waren wir eigentlich in der Spielplangestaltung? In der Ästhetik? Das würde sich heute kein Theater mehr trauen. Und gemessen an unserer Radikalität hatten wir erstaunlich viele Zuschauer!" (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.9.2007)

  • 
Stefan Bachmann steuert als Regisseur die neue Ernsthaftigkeit an: "Die Zuschauer wollen nicht 'betrogen' werden!"
    foto: standard / urban

    Stefan Bachmann steuert als Regisseur die neue Ernsthaftigkeit an: "Die Zuschauer wollen nicht 'betrogen' werden!"

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Auf Herkunftssuche im Libanon: Klaus Brömmelmeier (vermummt) als "Nihad" im Wiener Akademietheater.

Share if you care.