"Wein ist ein Kulturereignis"

30. September 2007, 17:00
29 Postings

"Wein spricht Deutsch", behauptet Stuart Pigott in seinem soeben erschienenen Opus magnum

Seine Präsentationen absolviert Pigott bevorzugt in bizarr bedruckten T-Shirts oder auch als buntscheckiger Dandy. Die Auftritte des gebürtigen Briten, der zu den einflussreichsten Weinpublizisten Deutschlands zählt (unter anderem mit einer Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) sind mit ordentlicher Selbstironie gewürzt, weshalb er als "exzentrisch" gilt. Doch sein Zugang zum Thema Wein ist ernsthaft und leidenschaftlich. Seine Recherchemethoden - immer vor Ort verkosten, stets mit den Winzern reden - hat er von Beginn an klar definiert. Auch das eben erschienene Standardwerk "Wein spricht Deutsch", in dem er im Team mit renommierten Weinexperten deutschsprachige Weinbaugebiete aufarbeitet, folgt dem System Pigott.

Pigott stellt darin eine faszinierende These auf: Deutschland, Österreich, Südtirol, die Schweiz und das Elsass seien weintechnisch über alle Grenzen hinweg als ein Kulturraum zu sehen. Speziell die Kapitel über das Burgenland, die Donautäler und auch Carnuntum (von Co-Autor Stephan Reinhardt) sind fundiert durchargumentierte Analysen von außen, die hierzulande vielleicht nicht immer in dieser Präzision und Härte gehört werden wollen, aber stets wohlwollende Perspektiven aufzeigen. Leider stammt das Wien-Kapitel nicht aus Reinhardts Feder und ist leicht "überstandig", weil es wichtige, neue Personen und Konzepte ausspart (z. B. Hans Schmid, Stefan Hajszan). Trotzdem ist das Opus magnum höchst gelungen und qualifiziert sich mit vielen Karten und Zahlen als Standard-Nachschlagewerk.

DER STANDARD: Weshalb haben Sie sich entschieden, diese kulturelle Grenze der Sprache zu wählen?

Stuart Pigott: Das, was in Deutschland heute passiert, ist sehr stark durch die Entwicklung in Österreich in den vergangenen 15 Jahren beeinflusst. Ein ausdrucksstarker, trockener Weißwein muss nicht übermächtig oder fett oder breit sein. Das haben die Winzer in Niederösterreich als Erste bewiesen.

DER STANDARD: Was kennzeichnet den deutschsprachigen Wein über die Grenzen hinweg?

Stuart Pigott: In Frankreich wird die Leichtigkeit des kleinen Weins als Manko empfunden. Im deutschsprachigen Raum empfinden wir die Leichtigkeit eines Alltagsweins als positiv und wollen sie auch. Der Zechwein oder der Heurige, diese Tradition gibt es überall im deutschsprachigen Raum. Und er ist nicht minderwertig, sondern eine bestimmte Kultur des Konsums. Ein weiterer bedeutender Unterschied ist, dass man in Frankreich eine Menge Geschmacksnoten im Wein akzeptiert und sogar bewusst sucht, die durch den Ausbau (Anm. die Behandlung des Weins im Keller nach der Gärung) zustande kommen. Im deutschsprachigen Raum sucht man den klaren Ausdruck der Traube.

DER STANDARD: Welche Kultur des Konsums ist das?

Stuart Pigott: Der Wein wird ganz bewusst solo und für sich genossen. Wein ist ein kulturelles Ereignis, auch auf einer alltäglichen Ebene. In Frankreich ist der Wein abhängig vom Essen.

DER STANDARD: Im Kapitel über die Wachau wird der "Drang zu Gigantentum", zu immer stärkerem Alkohol, kritisiert ...

Stuart Pigott: Manchmal ist das zum Selbstzweck verkommen. Diese Tendenz gibt es übrigens auch in Deutschland und im Elsass. Aber manche Winzer kehren schon deutlich zurück in Richtung Eleganz. Und viel Alkohol hat ja nicht unbedingt mit viel Geschmack zu tun. Das wäre zu einfach.

DER STANDARD: Sie verfolgen die Entwicklung in Österreich schon lange. Was finden Sie interessant?

Stuart Pigott: Österreichischen Wein in dem Sinne gibt es eigentlich nicht. Es gibt einen bunten Haufen von sehr unterschiedlichen Weinen, die mit der Zeit immer unterschiedlicher geworden sind. Und das ist wunderbar. Es gibt eine unglaubliche stilistische Vielfalt innerhalb von nur einer Rebsorte, zum Beispiel bei Grünem Veltliner. Ich sage voraus, dass der Grüne Veltliner im Burgenland wiederentdeckt wird, und da kommen einige neue Stilrichtungen dazu. Erste Anzeichen sieht man schon jetzt.

DER STANDARD: Was ist weniger interessant?

Stuart Pigott: Vielleicht gibt es einige Gebiete, die noch eine längere Strecke vor sich haben, bis sie vorn mit dabei sind: z. B. Carnuntum, dessen Identitätssuche in unserem Buch beschrieben ist. Aber selbst das ist eigentlich spannend und wunderbar.

DER STANDARD: Ist es reizvoll, ständig Neues zu suchen?

Stuart Pigott: Das ist der Sinn des ganzen Weinjournalismus und war auch der Sinn dieses ganzen Projekts. Durch diese Team-Konstruktion habe ich sehr, sehr viel gelernt, auch über die Gebiete, in denen ich glaubte, mich auszukennen. Der normale Weinkritiker hat auch keinen Schimmer, welcher Fleiß hinter einem großartigen Wein steckt. Und hinter jedem Winzer steckt auch eine Kultur und seine Interpretation der Dinge. Genießen kann man Wein sehr wohl ohne diesen Kontext, aber verstehen wird man ihn nicht.

(Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/28/09/2007)

Stuart Pigott, Hrsg: Wein spricht Deutsch - Weine, Winzer, Weinlandschaften in der deutschsprachigen Welt, Fotos: Andreas Durst, ISBN 978-3-502-19000-4 Preis: 78 Euro

Weitere Bücher von Stuart Pigott: z. B. "Wilder Wein - Reise in die Zukunft des Weins"
"Kleiner genialer Weinführer 2007" (jährlich neu)
wöchentliche Kolumne in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"
  • Eigentlich gibt es nur  einen Fehler, den man  bei Wein machen kann, besagt das letzte von  "Pigotts fünf Gesetzen des Weins", nämlich: Anderen durch Besserwisserei und Dogmen den Spaß zu verderben.
    foto: scherz verlag

    Eigentlich gibt es nur einen Fehler, den man bei Wein machen kann, besagt das letzte von "Pigotts fünf Gesetzen des Weins", nämlich: Anderen durch Besserwisserei und Dogmen den Spaß zu verderben.

Share if you care.