Kosovo: Eine Bombe für den Boss

27. September 2007, 12:12
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Polizei: Anschlag, bei dem zwei Menschen starben und zwölf verletzt wurden, war Abrechnung im kriminellen Milieu

Prishtina – Einige Restaurants und Bars im Einkaufszentrum auf dem Bill-Clinton-Boulevard in Prishtina waren immer noch offen, als am Montag um 2.10 Uhr eine starke Explosion das Geschäftsviertel im Zentrum der kosovarischen Hauptstadt erschütterte. Zwei Menschen kamen in den zerstörten Lokalen und einem eingestürzten Gebäude ums Leben, zwölf weitere wurden verletzt. Eine Person befand sich Montagnachmittag mit schweren Kopfverletzungen weiter im kritischen Zustand, alle anderen seien außer Lebensgefahr, berichtete Radio Prishtina.

Man könne immer noch nichts ausschließen, doch wahrscheinlich habe der Vorfall mit einer Abrechnung im kriminellen Milieu zu tun, erklärte Polizeisprecher Veton Elshani. Sicher ist: Die Detonation sei durch Sprengstoff verursacht worden. Minenexperten der internationalen Friedenstruppe Kfor untersuchen ebenfalls den Tatort.

Fahndung nach Enver Sekiraqa

Das Interesse konzentriert sich jedoch auf den Eigentümer mehrerer Lokale in dem Zentrum. Enver Sekiraqa ist einer der bekannten kosovarischen Unterweltbosse, die Polizei fahndet seit Monaten nach ihm. Er wird in den Zusammenhang mit der Ermordung eines Polizisten gebracht.

Wie der STANDARD in Prishtina erfuhr, hat Sekiraqa schon mehrere Anschläge überlebt. Der Mann sei einfach nicht umzubringen, erzählt man, obwohl er mit fast allen verfeindet sei. Und gleichzeitig mit allen, sowohl mit serbischen Kriminellen als auch mit der albanischen „Kosovo-Befreiungsarmee“ (UÇK), Geschäfte gemacht hätte. Man spricht von ihm wie einem richtigen „Filmgangster“, der durch die Gegend ballert und niemanden respektiert.

Korruption und Kriminalität

In dem seit 1999 von der UNO verwalteten Kosovo blühen Korruption und Kriminalität. Mächtige Familienclans sind praktisch unantastbar, das organisierte Verbrechen ist mit der Politik verflochten. Sekiraqa soll aber ein Draufgänger sein, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte.

Trotz der tragischen Bilanz atmete man in Prishtina auf, weil das Attentat anscheinend keinen politischen Hintergrund hat. Die südserbische, zu über neunzig Prozent von Albanern bewohnte Provinz strebt die Unabhängigkeit an, Belgrad lehnt das kategorisch ab. Die Statusverhandlungen sollen am 10. Dezember beendet werden, die Lage im Kosovo wird als äußerst angespannt eingeschätzt. Die im Kosovo verblieben Serben werfen der UN-Zivilverwaltung Unmik und der Kfor vor, sie nicht vor eventuellen Gewaltausbrüchen extremistischer albanischer Gruppen beschützen zu können.

Ein von allen Seiten gehasster Unterweltboss soll das Ziel eines tödlichen Bombenanschlags mitten in der kosovarischen Hauptstadt Prishtina sein. Dass kein politischer Hintergrund hinter dem Attentat mit zwei Toten zu stecken scheint, sorgt für Aufatmen. (Andrej Ivanji/DER STANDARD, Printausgabe, 25.9.2007)

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