Die stets guten Nachbarn

23. September 2007, 18:14
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Zwei Ausstellungen und das Herbst-Thema "Nahe genug?": "Volksgarten - Die Politik der Zugehörigkeit" im Kunsthaus Graz und "What we bought" in der Camera Austria

Graz - Die Bezirke Lend und Gries und die Innenstadt, der Puff und die Bourgeoisie, konnten schon immer miteinander. Und an das Kunsthaus hat man sich beiderseits der Mur auch schon gewöhnt, und an den traditionellen Rummel im Herbst sowieso. Der spätsommerliche Einzug der Avantgarde ist längst allen zur Folklore geworden.

Man geht ebenso am Bauernmarkt am Lendplatz der Suche nach dem Neuem nach, wie im Kunsthaus. Beide Orte leben von einer Mischung aus je neu interpretierten lokalen Spezialitäten, assimilierten Köstlichkeiten, mehr oder weniger exklusiv importierter Massenware mit Kurzzeitüberraschungseffekt und dem Charme retrospektiver Aufwertung und Umdeutung.

Beide Einrichtungen betonen die Nähe. Wofür etwa im Kunsthaus Pädagogen sorgen, stehen im Volksgarten schlicht Bänke bereit. Frequenz und also Umsatz ist beiden gleich wichtig. Die durchschnitttliche Aufenthaltsdauer sowieso. Und so leben in Lend wie Gries katholische Kirchen, ein neues Kunsthaus auf dem ideologischen Fundament der späten 60er-Jahre, ein Buddhistisches Zentrum, kreatives Mittelgewerbe für Design, Grafik und Lebenshilfe, Bars, Puffs und Wettbüros, Zuhälter, Kuratoren, Einwanderer, Immobilienmakler, Künstler und Sozialhilfeempfänger mehr oder weniger friedlich nebeneinander.

Kurzum: Es ist schick geworden dort, jede mögliche Unruhe wird vorweg einmal kreativ gedeutet. Oder kuratorisch gesehen: "Aufgrund ihrer ethnischen und sozialen Vielfältigkeit spannen beide Stadtviertel einen demografisch interessanten Raum rund um das Kunsthaus Graz und auch rund um die Ausstellung."

Und so kann man schon einmal die Frage nach der Koexistenz stellen, den Volksgarten hinsichtlich einer - was auch immer das meint - "Politik der Zugehörigkeit" benutzen, wie vom Kunsthaus Graz vorgeführt, oder - denn davon gibt es lokal genug im Angebot - dessen gedenken, what we bought, so wie das eben die Camera Austria macht.

Manfred Willmann zeigt dort "Chaosbilder", sauber arrangierte Momentaufnahmen aus der Dingwelt der Überflussgesellschaft, John Armleder zeigt eine Möglichkeit zum formal ausgewogenen Einsatz handelsüblicher Vinylfolien, und Piotr Uklanski arrangiert Menschen so, dass sie als Gruppe, von Gott aus gesehen, ein Porträt des Papstes Karol Wojtyla ergeben, das durchaus die Logo-Qualität des Abbildes von Che Guevara hat. Also: Logo, Fetisch, Warencharakter, obszöner Überfluss, Wegwerfgesellschaft, Billiglohnländer, Konsumterror, Ohnmacht, Verweigerung von Eigenkreativität, Alltagsschrott und Konsumkultur stehen wieder einmal zur ästhetischen Debatte, die diesen Herbst in Richtung Nahe genug? geführt wird.

Und weil Nähe nie nahe genug ist, hat etwa das Schweizer Künstlerkollektiv airline einen höchst artifiziellen Begegnungsort in den weniger artifiziellen Begegnungsort Volksgarten gestellt, damit sich dort jetzt wirklich alle begegnen können - beim Kochen, Musizieren oder bei Filmabenden. So soll der zwischenmenschliche Austausch im Soziotop forciert werden. Etwa an Abenden, an denen das von der griechischen Künstlerin Maria Papadimitriou aus unterschiedlichsten Immigranten zusammengestellte Volksgarten Orchestra aufspielt. Danke, Kunsthaus Graz! Wenn man sich diesen Abend dann noch ebenso farblich wie räumlich akzentuiert durch die bunten Luftballons von Helmut und Johanna Kandl vorstellt, auf denen in 15 Sprachen "Ich werde hier leben und glücklich sein" steht, sind wir uns am Rummelplatz endlich nahe genug gekommen, um wie Pawel Althammer die Alltagskleidung ablegen und in Folie verschweißen zu können - oder doch endlich so fremd geworden, um uns, jeder für sich, wie Pierre Huyghe, egal wo immer, wie am Mars vorzukommen.

Und dann bleibt bloß noch, sein Auto subjektiv zu pimpen: siehe das Modell Hirschhorn für Intellektuelle. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 24.07.2007)

  • Standbild aus Özlem Sulaks Video "Granny" von 2005 im Kunsthaus Graz.
    foto: özlem sulak

    Standbild aus Özlem Sulaks Video "Granny" von 2005 im Kunsthaus Graz.

  • Fetischbefragung in der Camera Austria: Swetlana Heger, "Ornamental Remix #1", 2007, Fotografie auf Endura Metallic Papier, farbig gerahmt.
    foto:coma, berlin

    Fetischbefragung in der Camera Austria: Swetlana Heger, "Ornamental Remix #1", 2007, Fotografie auf Endura Metallic Papier, farbig gerahmt.

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