Lieschen Müller in Kalifornien

24. September 2007, 18:21
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Mit Michael Lentz zu Gast bei den deutschen Emigranten in den USA

Es herrschten nachgerade mitteleuropäische Fröste unter Kaliforniens Sonne, als die deutschen Emigranten, ihrer heimatlichen Kunstexistenzen beraubt, einander auf die Pelle rückten: auf Cocktailpartys (Brecht hat vergessen, seine Straßenschuhe anzuziehen, und gibt den Partyschreck in Filzpantoffeln!), in vergleichsweise komfortablen Einfamilienhäusern, auf Sofas (die Sterbelager der heimatlos Gewordenen), auf durchgesessenen Sorgenstühlen, die geruchlose Luft der kalifornischen Wohlstandskultur in den Nasen.

Thomas und Heinrich (und Golo) Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Franz und Alma Werfel, Arnold Schönberg, Hanns Eisler bilden das Kunstpersonal in Michael Lentz’ "historischem" Roman Pazifik Exil. Und man wird nicht ganz fehlgehen in der Annahme, dass Lentz mit der Ausgesetztheit seiner Protagonisten so etwas wie die "Geworfenheit" schlechthin thematisiert: die Entwurzelung der Moderne, deren Verfechter nolens volens zu heimatvertriebenen Antagonisten des "Schnurrbarts" werden, wie Lentz den "Anstreicher" Hitler durch den Mund Brechts zu nennen pflegt.

Was aber treibt Lentz um? Welche Weltverfassung ruft er in seiner Prosa wach, die sich tief in die Gemüter der Prominenten eingräbt, um in einer "fremdbeherrschten Kulisse" die 1940er-Jahre Revue passieren zu lassen? Der Schlüssel zu diesem seltsam geschwätzigen Buch, das keinesfalls die Lektüre von Brechts Arbeitsjournal ersetzt, liegt in einem Kryptozitat. Lentz hält auf leicht zu überlesende Weise einen kalifornischen Nekrolog auf den Lyriker "Oskar", hinter welchem Namen sich nicht etwa Kokoschka, sondern der 2006 verstorbene Dichter und Büchner-Preisträger Oskar Pastior verbirgt: ein rumänien-deutsches Genie, dessen Poesie einen Internationalismus und eine Welthaltigkeit verbürgt, die einzig durch das Schweifen der Tonlagen und der Idiome zu Stande kommt, nicht durch das (erzwungene) Einlösen von Reisebillets. Die dichterisch gebrauchte Sprache ist das Transportmittel schlechthin; sie ermöglicht jenes Transitorische, das eine Anteilnahme an einer (wie auch immer exotischen) Welt garantiert, ohne doch das Paradoxon von Dichtung befriedigend auflösen zu können. Indem man nämlich die Welt benennt und ihren Zauber, ihre Schrecken überzeugend wachruft, hält man sie sich auch ein Stück weit vom Leib – so weit eben, wie die sprachlichen Mittel reichen.

Es stimmt einen daher mitunter auch fassungslos, wie ein "Avantgarde-Dichter" wie Lentz sein Thema sprachlich weitschweifig umkreist, ohne jenes "Transitorische", das doch eben durch das Thema des Exils aufgeworfen wird, jeweils dingfest machen zu können. Menschen wie Brecht, deren besonderer (literarischer) Wert doch darin bestünde, dass ihre Existenzen wohl belegt sind, deren Kalküle und Hilflosigkeiten in zahllose Werke eingeflossen sind, die zum eisernen Bestand der Moderne gehören, reden in Lentz’ Roman wie Lieschen Müller – respektive wie deren spaßkulturelle Nachfahren in TV-Mittagsshows wie "Bärbel" oder "Britt".

Für Brecht, der 1941 an Bord eines Frachters von Wladiwostok nach San Pedro reist und dabei seine todkranke Mitarbeiterin Margarete Steffin zurücklässt, muss "Klartext her". Ihn, den großen Nüchternen und Unsentimentalen, "machen Kriminalromane geradezu an". Dermaßen angemacht, möchte Lentz auch sonst nicht an sich halten: "Was die eine nicht kann besorgen, verschiebt Brecht auf die andere", kalauert der Romancier – und meint damit natürlich Brechts wohl verbürgte Manie, in Herzensdingen eine gewisse Lockerheit an den Tag zu legen, die ihm von Moralaposteln aller Couleurs seit je übel angekreidet wird.

Manche Kapitel in Lentz’ dickleibiger "Vergegenwärtigung" wiederum lesen sich als Nachtrag zum Geschwister-Mann-Bio-Picture aus dem Hause Breloer: Heinrich Mann lebt mehr schlecht als recht an der Seite seiner Nelly, deren Brüsten er auf Zeichenpapier huldigt (Lentz zeigt sich dabei ganz auf der Höhe der Mann-Forschung!), die aber auch die Verachtung des steifkragigen Bruders Thomas auf sich zieht. Auch Promis sind schließlich nur arme Würstchen; sie bekommen die Flatter, ihre Herzpumpen setzen gelegentlich aus, oder sie reden wie die olle Alma Mahler-Werfel in Likörlaune antisemitischen Schwachsinn daher. Ein armseliges Pack, diese Exilanten!

Was also könnte Lentz – außer die Verwendung eines einschlägigen Stipendiums – dazu veranlasst haben, die erzwungene Nichtsesshaftigkeit seiner Protagonisten als Lore-Roman nachzuerzählen? In zwei Kapiteln scheint, wie in einem Palimpsest, das Können des Autors durch: Brecht, in der Kantine des Frachters sitzend, wälzt den Verrat an der Steffin als Gedankenexperiment im Kopf herum. Er kreuzt mit Friedrich Schiller spekulativ die Klinge; er dichtet, säuft Whiskey – ehe ihn Mitarbeiterin Nummer zwei, Ruth Berlau, aus der Brüterei herausreißt. Ein Orpheus im Vorhof der Hölle erhält Besuch von der (falschen) Eurydike – so hätte es gehen können.

Bewegend auch die Schilderung von Franz Werfels letzten Lebenstagen: das Delirium eines Herzkranken, der seiner Lebenspumpe beim "Gerade-Ausgehen" nachlauscht. Der seine eigenen Gedichte revidiert, der seiner Existenz seltsam ungerührt beim Verlöschen zusieht. Heimat ist nirgends. Eitel bleibt die Hoffnung auf "künstlerische Relevanz", hoffärtig der Irrglaube, im Welttheater eine Protagonistenrolle zugewiesen zu bekommen. Lentz, eine der großen Begabungen seiner Generation, hätte seinen Roman vielleicht nur eindicken müssen – ein Konzentrat herstellen. Er hat es vorgezogen, mit den Großen der Moderne eine Duz-Freundschaft zu begründen. Sie wurde ihm, Gott sei’s geklagt, nicht eben herzlich erwidert. Auch wenn die Konturen des unvergessenen Oskar Pastior hindurchschimmern. (Ronald Pohl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.09.2007)

Michael Lentz, "Pazifik Exil". Roman. €20,50/464 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007.
  • Artikelbild
    cover: fischer
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