Arzt ohne Grenzen

21. September 2007, 17:00
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Der deutsche Popheld Farin Urlaub ("Die Ärzte") fährt - man ahnt es - gern in den Urlaub - Nun legt der passionierte Fotograf die Eindrücke einer halbjährigen Reise durch Indien und Bhutan als Buch vor

Dass der Mann gern blau macht, wurde vom einst unspektakulär als Jan Vetter durch die Pflichtschulzeit lümmelnden Mann dann vor gut einem Vierteljahrhundert in seinem schön gewählten Künstler- und Lebensnamen dokumentiert. Farin Urlaub. Das hat dann weniger mit den Tourneen seiner zwischen Erhabenheit, höherem Blödeltum und lustigem Punkrock pendelnden Band zu tun. Den verbreitet er als führendes Drittel seiner furchtbar amüsanten Berliner Band "Die Ärzte" kreuz und quer zuerst auf den Großbühnen und dann in den Backstage-Räumen der deutschsprachigen Länder mittlerweile seit 1982.

Dort, wo es laut Klischee nicht nur fette Brotaufstriche und welkes Dekorationsgemüse in traurig an die Erfindung des Neonlichts und an den Plastikboden im Zusammenhang mit Mehrzweckhallen erinnernden Garderoben gibt, sondern auch jede Menge dünn haltende Unterhaltungschemie, die dann am Morgen danach mit einem so genannten Jazzfrühstück bekämpft werden will. Jazzfrühstück gleich: doppelter Espresso, zwei Aspirin - und eine rote Marlboro.

"Ich fress Blumen"

Der erklärt gesunde und jeglichen drogistischen Anfechtungen zeitlebens widersagende Vegetarier, Antialkoholiker, Nichtraucher, Tablettenverweigerer und deshalb schon einst im Ärzte-Song "Ich fress Blumen" seinen Trost demgemäß in dankbaren Hühneraugen suchende 42-jährige Farin Urlaub ("Der Name hat Methode!") definiert seinen Lebenssinn als einer der erfolgreichsten deutschen Musiker aller Zeiten auch immer schon über das Weggehen. Lass die anderen ruhig machen. Hier will ein Mann ins Himmelblaue aufbrechen, um von dort geläutert, ernüchtert, begeistert - du benennst es, Farin verreist - nach Hause zurückzukommen, um Zeugnis abzulegen. Auf dem im November erscheinenden neuen und übrigens äußerst charmanten Ärzte-Album "Jazz ist anders" (davon zum gegebenen Zeitpunkt mehr) wird der im Selbstversuch der Reisen ins Unbekannte trotz allen erlebten Elends und Chaos gewonnene, kraftvolle und nur ein ganz klein wenig zynische Optimismus dann auch gleich im Song "Himmelblau" stürmisch gefeiert: "Die Welt gehört dir, was wirst du mit ihr machen?!"

Allerdings ist jetzt über die Jahre der bloße Müßiggang in der teilnehmenden Beobachtung seltsamer Sitten befremdlicher Völker einer gewissen Professionalisierung gewichen.

Farin Urlaub im Standard-Interview: "Ich habe ja schon lange den Gedanken in mir herumgetragen, meine Reiseeindrücke einmal in einem Buch zu dokumentieren. Allerdings fehlt mir als das Dreieinhalbminuten-Format gewohnter Musiker dann für 400 Seiten doch der lange Atem. Irgendwann hat sich dann auch mein hobbymäßig betriebenes Fotografieren mit meiner Schwester Julia als Lehrerin in gewissem Sinne professionalisiert. So wie parallel dazu das Reisen. Ich würde es mittlerweile als journalistisches Reisen bezeichnen. Und ich weiß, dass ich fotomäßig den Rotstich vermeiden muss! Was mit meiner Ausrüstung mittlerweile tatsächlich leichter als zuvor zu bewerkstelligen ist. Zu Hause werden dann im Vorfeld neben der Googelei Bücher über die anvisierten Länder gelesen. Vor Ort wird anschließend auf die wichtigsten Berge raufgeklettert und Fotos oben gemacht. Und ich frage die Leute:,Was gibt es bei euch noch zu sehen?' Wieder zu Hause versuche ich, erst mal über die Form der kurzen Bildunterschrift langsam in den Groove fürs Schreiben zu kommen..."

"Sanfte Übergänge sind eher die Ausnahme."

Für die jetzt also in Buchform unter dem Titel "Indien & Bhutan. Unterwegs 1" edel und mit 500 Seiten üppig dokumentierte und launig kommentierte Bildband-Reise beschloss Farin Urlaub, sich im Gegensatz zu früheren Erkundungsfahrten in die Fremde - und damit zwangsläufig auch immer zu sich selbst, Arzt, hilf dir selbst! - erstmals vollkommen losgelöst von etwaigen Zeitbeschränkungen treiben zu lassen. Wie er im Vorwort auch angesichts seines die Butter auf das Brot bringenden Hauptberufs treffend anmerkt: "Sanfte Übergänge sind eher die Ausnahme."

Beinahe ein halbes Jahr nahm er sich 2006 eine Auszeit vom Beruf und ließ sich nach eigenen Angaben "konzentriert durch den indischen Subkontinent treiben". Farin Urlaub: "Es hat dann ja auch länger gedauert als geplant, weil sich während der Reise ständig neue Ziele ergeben haben. Auch deswegen, weil ich immer das Gefühl im Hinterkopf hatte, dass das bereits Gesehene möglicherweise für potenzielle Leser nicht ,stark' oder interessant genug erscheinen würde."

Am Ende geht immer alles gut aus

Und weiter: "Man darf nicht oberflächlich sein! Darum bin ich dieses Mal mehr in die Tiefe gereist. Vor Ort in Indien habe ich beispielsweise in einem Geschäft zufällig ein Buch über die Lehm-Architektur in der Wüste Thar gefunden. Eine Bauweise, die ich zuvor schon im afrikanischen Mali gesehen hatte. Das hat mich total interessiert. Aus Versehen, und zum Glück, bin ich dann in die Wüste gefahren, in ein militärisches Sperrgebiet. Ich war dort der erste Ausländer. Da gibt es dann kein Herumdrucksen. Von wegen, das gefällt mir jetzt nicht so. Ich bin da über die Jahre sehr, sehr gelassen geworden. Immerhin habe ich schon zuvor, während Reisen mit dem Motorrad, gewisse Erfahrungen gemacht, wo ich mit Motorschaden irgendwo in der Wüste gesessen bin und gedacht habe, das war's jetzt. Aber bisher geht am Ende immer alles gut aus. Diese Gewissheit hilft. Und auch, dass ich auf dem Dach meines Geländewagens ein Zelt aufklappen kann und immer genügend Wasser mithabe. Ich muss also nicht drei Monate vorher von Deutschland aus Hotelzimmer für die Nacht vom Montag auf den Dienstag am so und so vielten im Internet Hotelzimmer buchen."

Ein Arzt ohne Grenzen. Farin, dorthin, wo noch nie ein Urlaub zuvor seine Füße gesetzt hat. Am Ende sich etwas Gutes getan haben. Und Gutes tun! Sämtliche Einnahmen dieses für einen begnadeten (Fotografie-)Dilettanten herausragenden, liebevoll edierten Buchs kommen der Vereinigung "Ärzte ohne Grenzen" zu. Das mag zwar lustig klingen. Wenn aber nur ein Bruchteil des Stammpublikums der Ärzte als Band dieses Buch kauft, ist das Wohl eines Einzelnen wieder einmal wichtiger gewesen als das Wohl der Vielen. Um Commander Spock zu zitieren. (Christian Schachinger/Der Standard/rondo/21/09/2007)

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  • Farin Urlaub tourte durch Indien und Bhutan.
    foto: schwarzkopf & schwarzkopf/farin urlaub

    Farin Urlaub tourte durch Indien und Bhutan.

  • Konzentriertes Sich-treiben-Lassen ...
    foto: schwarzkopf & schwarzkopf/farin urlaub

    Konzentriertes Sich-treiben-Lassen ...

  • ... durch den indischen Subkontinent gelang Farin Urlaub.
    foto: schwarzkopf & schwarzkopf/farin urlaub

    ... durch den indischen Subkontinent gelang Farin Urlaub.

  • Mitgebracht hat er Fotos von Menschen ...
    foto: schwarzkopf & schwarzkopf/farin urlaub

    Mitgebracht hat er Fotos von Menschen ...

  • ... Ritualen und Lebensformen.
    foto: schwarzkopf & schwarzkopf/farin urlaub

    ... Ritualen und Lebensformen.

  • Farin Urlaub: "Indien & Bhutan. Unterwegs 1 - Fotografien". € 100,80, Schwarzkopf & Schwarzkopf. Ab Oktober im Handel.
    foto: schwarzkopf & schwarzkopf/farin urlaub

    Farin Urlaub: "Indien & Bhutan. Unterwegs 1 - Fotografien". € 100,80, Schwarzkopf & Schwarzkopf. Ab Oktober im Handel.

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