"Keine Angst, es kommen noch vierzig Dienstjahre"

16. Oktober 2007, 13:58
89 Postings

Das erste Mal im Klassenzimmer: Für LehramtsstudentInnen mindestens genau so spannend wie für Kinder – Ein derStandard.at - Lokalaugenschein

Die 1C malt gerade eine papierene Pippi Langstrumpf an. Oranger Filzstift für die Haare, knallgelb und schwarz für die Socken. 22 Zehnjährige arbeiten konzentriert an ihren Tischen und lassen die neuen Stifte glühen. Die acht Lehrerinnen der Klasse helfen und sehen zu. Moment – acht Lehrerinnen für eine einzige Klasse? Hat da etwa eine Schulreform stattgefunden, von der wir nichts mitbekommen haben?

Nicht ganz: Es ist die zweite Schulwoche für die Kinder und die erste für sieben angehende Pädagoginnen. Schauplatz: Die Übungsschule der Pädagogischen Akademie des Bundes in Wien. Der Praxiskontakt schon vor Semesterbeginn ist Teil der Eignungsprüfung, die Lehramtsstudierende an den neuen Pädagogischen Hochschulen (PH) absolvieren müssen.

Sommersprossen als Herausforderung

Darum sitzen jetzt sieben junge Frauen auf zu kleinen Sesseln und unterhalten sich mit SchülerInnen über Pippis Sommersprossen. Der erste Kontakt mit dem "Feind", sozusagen? "Ein erster Sprung in eine neue Rolle", korrigiert Gabriele Wehlend, Institutsleiterin für Schulpraktische Studien an der PH Wien. Die eigene Motivation überprüfen, den beruflichen Alltag kennen lernen, testen, ob der Traumjob auch dem Realitätstest standhält.

Die Umstellung ist groß: Viele BewerberInnen haben vor dem Sommer ihre eigenen Klassenzimmer als MaturantInnen verlassen und kehren jetzt, knapp drei Monate später, als LehrerInnen zurück. Ein Tag Sonderschule, ein Tag Haupt- oder Kooperative Mittelschule und ein Tag Volksschule stehen auf dem Programm, außerdem Eignungstests und persönliche Gespräche. Danach soll man wissen, ob man den Job machen will – zumindest als Momentaufnahme. Wie man nach langen Jahren mit der konstanten Lärmbelastung, widerspenstigen Schülern und störrischen Eltern umgeht, kann wohl kein Eignungstest der Welt feststellen.

Das erste Mal in einer Klasse

Noch ist alles eitel Wonne im Klassenzimmer. Friedliches Zeichnen, niedriger Geräuschpegel. Ein bisschen unsicher gehen einige StudentInnen mit der neuen Situation um, wissen nicht genau, wie sie reagieren sollen, wenn die Kinder Fragen stellen. Die "echte" Lehrerin wird aufmerksam beobachtet und als Vorbild genommen. Am entspanntesten gehen die SchülerInnen der 1C mit dem ungewohnt hohen Lehreraufkommen um: Sie ignorieren es einfach. Einige Schüler haben besondern Gefallen an den zusätzlichen Pädagoginnen gefunden – und wollen alles über sie wissen: Woher sie kommen, was sie machen, und außerdem: "Gibst du mir deine Telefonnummer?". Kurzes Schweigen, dann Lachen. "Da war ich schon ein bisschen sprachlos", amüsiert sich Studentin Anja.

In die Rolle hineinwachsen

Die ersten Tage in der Klasse sind aber nicht nur Spaß, sondern auch Herausforderung. "Natürlich muss man in die Lehrerrolle erst hineinwachsen", erzählt Gabriele Wehlend im Gespräch mit derStandard.at. "Wie gebe ich auf Fragen eine Antwort, ohne Fehler zu machen", das sei eine der häufigsten Anfragen der JungpädagogInnen.

"Sehr spannend" sei es, erzählen die zukünftigen LehrerInnen nach ihren ersten Schulstunden. "Unglaublich wissbegierig" und "interessiert" seinen die Kinder. Ob man sich den Job so vorgestellt habe? "Genau so". Die sieben Kandidatinnen sind überzeugt: Genau das ist ihr Traumberuf. Das zeigt auch ein Dialog am Rande der Schulstunde. Die Institutsleiterin: "Ist heut eh schon euer letzter Tag in den Klassen, oder?" "Ja, leider". "Keine Angst, es kommen noch vierzig Dienstjahre". "Zum Glück!"

Kein Plan B

Die PH können sich vor Bewerbungen kaum retten, mehr Studierende als je zuvor wollen LehrerInnen werden. Vor allem die Volksschulplätze sind begehrt, auch wenn die Berufsaussichten nicht gerade rosig sind. Dementsprechend groß ist die Nervosität bezüglich der Eignungsfeststellungen: Die sieben StudentInnen werden sich höchstwahrscheinlich nicht alle ihren Traum erfüllen können. Was, wenn es mit der Aufnahmeprüfung nicht klappen sollte? "Dann müssen wir es eben im nächsten Jahr noch mal probieren", meint Studentin Sabrina. Gibt es keine Alternative, keinen Plan B? "Kein Plan B. Das ziehen wir schon durch". (Anita Zielina, derStandard.at, 20.9.2007)

  • "Unglaublich wissbegierig" und "interessiert" seinen die Kinder, finden die Studentinnen.
    foto: derstandard.at/burgstaller

    "Unglaublich wissbegierig" und "interessiert" seinen die Kinder, finden die Studentinnen.

  • Für die Studentinnen ist die erste Schulstunde schön, aber auch anstrengend.
    foto: derstandard.at/burgstaller

    Für die Studentinnen ist die erste Schulstunde schön, aber auch anstrengend.

  • Die angehenden LehrerInnen sind sich sicher: "Kein Plan B. Das ziehen wir schon durch".
    foto: derstandard.at/burgstaller

    Die angehenden LehrerInnen sind sich sicher: "Kein Plan B. Das ziehen wir schon durch".

  • Gabriele Wehlend, Institutsleiterin für Schulpraktische Studien an der PH Wien: "Ein erster Sprung in eine neue Rolle".
    foto: derstandard.at/burgstaller

    Gabriele Wehlend, Institutsleiterin für Schulpraktische Studien an der PH Wien: "Ein erster Sprung in eine neue Rolle".

  • Von den sieben zusätzlichen LehrerInnen lassen sich die Schüler nicht sehr stören.
    foto: derstandard.at/burgstaller

    Von den sieben zusätzlichen LehrerInnen lassen sich die Schüler nicht sehr stören.

Share if you care.