Paradiesisch einfach und entsetzlich beängstigend

14. September 2007, 22:14
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Der Psychiater Roland Wölfle assoziiert zum Thema "menschenleere Welt"

Warum Visionen von einer menschenleeren Welt in der Literatur und im Film so beliebt sind? Wenn ich frei dazu assoziiere und bis zu den Wurzeln des tiefenpsychologischen Denkens zurückgehe, dann fällt mir zuerst Sigmund Freuds Konzept vom Todestrieb ein. Das ist ein sehr umstrittenes Konzept, das Freud in seinem Buch Jenseits des Lustprinzips eingeführt hat, und das besagt, dass die Menschen nicht nur libidinöse Energien in sich haben, sondern auch destruktive, dem Tod und der Zerstörung zugewandte.

Wenn man annimmt, dass Freud Recht hatte, würden solche kulturellen Erzeugnisse diese Energien in einer gewissen Weise binden und befriedigen. Autoren wollen unterhalten, das Kino will unterhalten, und solche apokalyptischen Bücher und Filme ermöglichen es, sich auf spielerische und lustvolle Weise mit der Vorstellung des Todes zu beschäftigen - nicht mit dem eigenen Tod, wohlgemerkt, sondern mit dem Tod der anderen.

Dann denke ich an Sigmund Freuds Konzepte zur frühen Entwicklung des Kindes. Im Alter von etwa drei Jahren tritt demnach das Kleinkind in einen Erlebensmodus ein, in dem Phantasien von Machtausübung und Omnipotenz eine große Rolle spielen - wir kennen ja das Phänomen, dass dieser "omnipotente" Kleinkindmodus in Weltherrschaftsfantasien (auch ein sehr beliebter filmischer und literarischer Topos) wiederkehrt. Solange diese Phantasien filmische und literarische Phantasien bleiben, ist ja auch wenig gegen sie einzuwenden, nur wenn sie in der realen Welt politisch wirksam werden, können sie katastrophal sein.

Das Kind glaubt, es könne beim Fernsehen Menschen auf Knopfdruck zum Verschwinden bringen, es hat eine magische Sicht der Dinge. In einer menschenleeren Welt ist man allmächtig, ist man Alleinherrscher und hat die unumschränkte Verfügungsgewalt. Und darüber hinaus erübrigt es sich auch, dass man mit anderen Menschen in Beziehung treten muss.

Hier spielt für mich das Motiv des Narzissmus herein, das sich bis hin zu einem Autismus, zu einer völligen Selbstbezogenheit steigern kann: Zuerst komme ich, und dann erst kommen, wenn überhaupt, die anderen. Die menschenleere Welt ist ein Sinnbild einer solchen Weltsicht, und vielleicht erkennen sich manche Menschen darin wieder. Die Art, wie unsere gegenwärtige Gesellschaft beschaffen ist, kommt einer narzisstischen Vereinzelung und Isolierung sehr entgegen. Man muss aber nicht zwangläufig tiefenpsychologische Modelle bemühen, um sich die Beliebtheit dieser Fantasien zu erklären. Unsere Welt ist, nicht zuletzt durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, unerhört komplex und kompliziert geworden, und viele Menschen sind dadurch in einem Zustand der ständigen kognitiven Überforderung.

Die daraus resultierende Sehnsucht nach einem einfachen Leben ist weit verbreitet, und weil zwischenmenschliche Beziehungen das Komplexeste und Komplizierteste überhaupt sind, wäre eine menschenleere Welt eine Welt, deren Komplexität radikal vermindert wäre.

Sie kommt einer Sehnsucht nach einem Urzustand entgegen, der in keiner Weise vom Menschlichen kontaminiert ist. Ich denke, man kann hier sehr gut beobachten, wie sich hinter einer Angst ein Wunsch verbirgt und hinter einem Wunsch eine Angst. Die menschenleere Welt wäre paradiesisch einfach und daher vielleicht auch wünschenswert, aber sie wäre auch eine entsetzliche, beziehungsleere Welt, eine Welt, die ungeheure Angst einjagt." (Roland Wölfle /ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.09.2007)

Zur Person
Dr. Roland Wölfle
ist Psychiater und Psychotherapeut in Vorarlberg. Er leitet die Therapiestation Lukasfeld der Stiftung Maria Ebene.
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    Archäologisch-futurologischer Blick: der Louvre - heil und als vorgestellte Ruine, gemalt von Hubert Robert (1733-1808).

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