Paradiese der Tiere: "Strawberry Jam"

17. September 2007, 18:02
2 Postings

"New Weird America" und mehr: Das New Yorker "Animal Collective" und ihr wunderbarer, spinnerter Futuristen-Pop

Eines der zentralen Alben des Jahres 2007. Was tun? Freak out!


Das New Yorker "Animal Collective" zählt seit einigen Jahren nicht nur zu jener Generation neuer Bands, die den gemeinsamen künstlerischen Ansatz über das Wirken eines Einzelgenies stellen. Siehe auch: Arcade Fire, Broken Social Scene, Black Dice, No Neck Blues Band, Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-la-la Band oder Formationen des kanadischen Constellation Labels. In der Nachfolge so unterschiedlicher, allerdings legendärer Kollektive wie Can, Embryo, The Ex, The Grateful Dead oder in jüngerer Zeit diverser Post-Rock-Formationen wie Tortoise versucht man sich auch wie die (historischen) Vorbilder wieder einmal an der Überwindung möglichst vieler, längst sinnentleerter, rein formelhafter Automatismen der Pop- und Rock-Grammatik mit dem Mittel der Improvisation.

Als Vertreter der flugs von der Musikpresse erfundenen Nischenszene des "New Weird America", im Zweifel auch zum nichtssagenden Begriff des "Anti-Folk" zusammengepantscht, zu dem so unterschiedliche Acts wie Devendra Banhart, CocoRosie, Antony & The Johnsons, Joanna Newsom, aber auch diverse obskure Improvisationskollektive wie Gang Gang Dance oder Jackie-O-Motherfucker gezählt werden, bildet das Animal Collective allerdings die große, Richtung Mehrwert zielende Ausnahme.

Kaum eine andere Band geht an der Schnittstelle von Song und kollektivem Freak-out so radikal mit ihren Ressourcen um wie die vier freundlichen, gern auch hinter Tiermasken und Tarnnamen verborgenen Multiinstrumentalisten Panda Bear, Avey Tare, Geologist und Deacon. Nach teilweise hervorragenden Vorarbeiten an der Schnittstelle von durchgeknalltem und gegen die Songstruktur gebürstetem Folk und freundlich-fiepsenden elektronischen Klagelauten aus kosmischen Wurmlöchern wie auf dem zwischen 1999 und 2001 aufgenommenen Opus magnum Spirit They're Gone Spirit They've Vanished/Danse Manatee und sich zunehmend Richtung ruppig-charmanten Future-Pop vortastenden Alben wie Sung Tongs (2004) und Feels (2005) liegt nun mit dem auf dem britischen Domino-Label erscheinenden Strawberry Jam das amtliche Meisterwerk des Animal Collective vor.

Die verstärkte Popausrichtung war schon auf Feels zu bemerken. Und auch das Anfang 2007 erschienene und nachdrücklich ans Herz gelegte zweite Soloalbum von Panda Bear namens Person Pitch (Paw Tracks/Soul Seduction) weist darauf hin: Zwischen all den teilweise doch mit Grandezza recht nachlässig hingeklotzten Trümmersounds aus verstärkt elektronischen Klangapparaturen, zwischen sich selbstständig machenden Rhythmus-Endlosschlaufen im angezogenen Geschwindigkeitsbereich und sich hysterisch wie ein Kreisel drehenden Spielhöllen-Sounds, zwischen Ego-Shooter-Games und Super-Mario-Quietsch- und -Schmatz-Kindereien, inklusive der lyrischen Momente von dunkel-treibenden Balladen Lou Reeds und The Velvet Underground, hat sich die Richtung als Surf-getarnte Kirchenhymnen-Melodienseligkeit von Übervater Brian Wilson und den dazu hübsch jubilierend Chor singenden Beach Boys eingeschlichen.

Was der britische Schriftsteller Evelyn Waugh einmal über Alice im Wunderland meinte, lässt sich auch hier anwenden. Bei diesem zentralen Werk der heurigen Popmusik handelt es sich um einen "Komplex von Hysterie und Apathie, von Erhabenheit und Farce". Dabei behält das Animal Collective immer den Song als unter all den abenteuerlichen Klangschlieren versteckten Kern der aus reiner Improvisation entstandenen Stücke im Auge. Die Texte zu diesen Songs scheinen ebenfalls dazu angetan, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen: "Now I think it's alright we're together/Now I think it's okay to feel inhuman." (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.9.2007)

  • Animal Collective: Strawberry Jam (Domino/Edel)
    foto: domino/edel

    Animal Collective: Strawberry Jam (Domino/Edel)

Share if you care.