Kampf um Kapfenberg

27. September 2007, 16:10
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Fachhochschule Joanneum: Boomende Grazer Studiengänge sollen Standort in Kapfenberg retten - Wilde Proteste

Graz/Kapfenberg – Der steirische Fachhochschulsektor ist in heftige Turbulenzen geraten. Nach der Ankündigung der FH-Geschäftsführung, international anerkannte und boomende Studiengänge wie Industrial Design, Informations- und Museumsdesign oder Journalismus nach Kapfenberg auszusiedeln, ist ein regelrechter Proteststurm auf die politisch zuständige SPÖ-Bildungslandesrätin Bettina Vollath hereingebrochen. Studenten, Studiengangsleiter, Wirtschaft, Industrie, Grüne und die Stadt Graz kritisierten diese – regionalpolitisch motivierte – Absiedelung von Teilen der FH Joanneum. Hintergrund der Umstrukturierung: Mit den gut gehenden Studiengängen soll der wegen sinkender Studentenzahlen vom Zusperren bedrohte obersteirische FH-Standort Kapfenberg gerettet werden. Der Beschluss, die Böhlerstadt mit den gut aufgestellten Studiengängen bildungspolitisch zu attraktivieren, ist bereits in einer Aufsichtsratssitzung 2006 gefallen.

Die Konferenz der Studiengangsleiter spricht nun aber von einem „fehlgeschlagenen Experiment“, das am besten beendet werden sollte. Der Standort vermittle „mangelnde Attraktivität bei Studierenden“, habe kaum „Anziehungskraft für qualifizierte Lehrende und fehlendes akademisches Umfeld“. Zudem herrsche „eine unzulängliche nationale sowie internationale Erreichbarkeit.“

Der Leiter des Studienganges Industrial Design, Gerhard Heufler, teilte am Donnerstag der FH-Geschäftsführung mit, er werde umgehend kündigen, sollte sein Studiengang tatsächlich nach Kapfenberg ausgesiedelt werden. Sein Studium mache nur im urbanen Grazer Umfeld mit seinen Vernetzungen Sinn. Das Magazin Business Week hatte Heuflers FH-Abteilung Graz unter die weltweit besten Designschulen gereiht. Für Graz käme eine Absiedlung auch deshalb ungelegen, weil sich die Stadt soeben beim Unesco-Netzwerk „Creative Cities“ als „City of Design“ bewirbt.

Bildungslandesrätin Bettina Vollath, die sich am Dienstag in der Causa einer dringlichen Anfrage im Landtag der Grünen stellen muss, argumentiert im Gespräch mit dem Standard, dass „im neuen Kommunikations-Zeitalter Distanzen wohl keine Rolle spielen sollten“. Kapfenberg sei in 45 Minuten von Graz erreichbar. Vollath: „Wir haben den Auftrag, und da gibt es im steirischen Landtag Übereinstimmung, alle drei FH-Standorte nachhaltig zu konsolidieren.“ Sie lässt keinen Zweifel offen, dass Kapfenberg als Standort erhalten bleiben soll. Schützenhilfe erhält Vollath von der Kapfenberger Bürgermeisterin Brigitte Schwarz. Sie wettert gegen die Grazer „Zentralisten“. Die Absiedelung sei ein „äußerst begrüßenswerter Vorschlag der Landesrätin, gäbe es nicht den Neid der Zentralisten.“ Die SP-Bürgermeisterin mit einem zynischen Nachsatz: „Man kann doch nicht die armen StudentInnen in die Obersteiermark schicken ...“ (Walter Müller/DER STANDARD-Printausgabe, 14. September 2007)

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    Der angekündigte Umbau der FH Joanneum wird heftig kritisert. StudentInnen fühlen sich nicht eingebunden.

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