Die Neuordnung des Wissens

11. September 2007, 20:43
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Neue Software revolutioniert inzwischen auch in geisteswissen­schaftlichen Disziplin das Verwalten, Vernetzen, und Kommunizieren von Erkenntnissen

Neue Software revolutioniert mittlerweile auch in so mancher geisteswissenschaftlichen Disziplin das Verwalten, Vernetzen, Publizieren und Kommunizieren von Erkenntnissen. An der Uni Graz leistet man bei der Implementierung von so genannten Asset-Management-Systemen für Österreich Pionierarbeit.

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AMS - diese Abkürzung steht nicht nur für das Arbeitsmarkt Service. In der Wissenschaft haben die drei Buchstaben eine andere Bedeutung: Sie stehen für "Asset Management System", das bislang vor allem von der technisch-naturwissenschaftlichen Scientific Community zur Modellierung ihrer Wissensbestände benutzt wird.

AMS stellen eine zentrale Speicher-, Verwaltungs- und Retrievalstruktur für verteilte digitale Ressourcen zur Verfügung und ermöglichen damit eine nachhaltige, zitierfähige Bereitstellung und Archivierung digitaler Wissensbestände.

Das Ziel dabei ist die Entwicklung einheitlicher Zugänge zu verstreut vorliegenden elektronischen Daten, um so den (internationalen) wissenschaftlichen Kommunikationsprozess zu erleichtern. Beim Einsatz solcher Systeme liegen die einzelnen Seiten nicht im HTML-Format vor, sondern werden erst im Augenblick des Abrufens dynamisch zusammengebaut. Die Inhalte können auf diese Weise in beliebigen Zielformaten repräsentiert werden - Inhalt und Repräsentationsformat sind völlig voneinander getrennt.

Grazer Pioniere

Bei der Entwicklung und Anwendung von Asset-Management-Systemen nimmt die Geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Graz eine Vorreiterrolle im deutschsprachigen Raum ein: "Gerade bei der Verarbeitung von Textdaten bietet dieses System sehr viele Möglichkeiten", erklärt Hubert Stigler vom Institut für Informationsverarbeitung in den Geisteswissenschaften. "Aus technologischer Perspektive ermöglichen vor allem XML-basierte Systeme sehr flexible Formen der Dokumentenhaltung mit einem hohen Grad an Wiederverwendbarkeit des digitalen Inhalts.

Die Anwendungsmöglichkeiten solcher auf XML-Technologien beruhender AMS sind vielfältig: Im Bereich der elektronischen Publikation beispielsweise können damit verschiedenste Formen (multimedialer) wissenschaftlicher Dokumente elektronisch beschrieben und veröffentlicht werden.

"Dabei ist es möglich", so Hubert Stigler, "die Struktur von Inhalten den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Anwender anzupassen und so den unterschiedlichen Nutzerinteressen gerecht zu werden".

Durch die Verwendung eines AMS entsteht zudem die Möglichkeit einer gezielten, domänenübergreifenden Recherche in Wissensbeständen verschiedenster Forschungseinrichtungen. Gesteuert durch einen automatischen Austausch der entsprechenden Metadaten über standardisierte Schnittstellen entsteht ein Verbund wissenschaftlicher Institutionen.

Damit wird ein AMS zur Kommunikationsdrehscheibe innerhalb der Scientific Community, bietet aber auch Interessierten außerhalb der Universität eine Zugangsmöglichkeit zu wissenschaftlichen Daten. Asset-Management ist also nicht zuletzt ein innovatives und hoch effizientes Instrument der Öffentlichkeitsarbeit. Der AMS-Ansatz macht es außerdem möglich, auf einfache Weise Sammlungen unterschiedlichster Ressourcen sowie Internetquellen zu erstellen und über das Web zu publizieren. Einmal geladene Inhalte lassen sich für verschiedene Zwecke verwenden: So können etwa Materialien, die in einem Forschungskontext produziert wurden, als Seminarunterlagen auf einer Lehrplattform oder auf Webseiten referenziert und transparent eingebunden werden.

Keine Insellösungen

Nachdem IT-Experten jahrelang "Insellösungen" für verschiedene wissenschaftliche Projekte entwickelt hatten und die dabei entstandene (Datenbank-)Landschaft immer unüberschaubarer wurde, begann man in Graz mit der Entwicklung eines eigenen Modells. Auf der Suche nach einer geeigneten Plattform stieß man auf das von der University of Virginia und der Cornell University betriebene Open-Source-Projekt "Fedora". "Im Kern bietet 'Fedora' eine datenbankgestützte, modular erweiterbare Speicher- und Verwaltungsstruktur für beliebige verteilte digitale Ressourcen mit webbasierten Zugängen", so Stigler. Damit erwies sich dieses Projekt als tragfähige Basis für ein AMS, das Wissenschafter intelligent bei der Verwaltung, Speicherung und Nutzung digitaler Ressourcen unterstützt.

In Kooperation mit verschiedenen Fachrichtungen werden seitdem am Grazer Institut für Informationsverarbeitung in den Geisteswissenschaften maßgeschneiderte AM-Lösungen für unterschiedliche Anwendungsbereiche entwickelt. So wird das System etwa für die Analyse von Gesprächsstrukturen und -verläufen im Rahmen eines translationswissenschaftlichen Projekts eingesetzt. Auch ein interaktiver Reader zur Wissenschaftsgeschichte oder eine Vorlesung zur Quantenmechanik werden bereits durch XML-basiertes Asset-Management unterstützt.

Der wachsenden Bedeutung von Informations-Modellierung Rechnung tragend, wurde dieses Thema in Graz auch in die Lehre eingebunden. So soll aus dem jüngst eingeführten Wahlfachmodul "Informationsmodellierung in den Geisteswissenschaften", das Studierenden aller geisteswissenschaftlichen Studienrichtungen offen steht, künftig ein eigenes Studium werden. (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2007)

Am 14. und 15. November findet an der Universität Wien eine Arbeitstagung über Digital Asset Management an Hochschulen statt.

Infos dazu unter: Permanent Hosting, Archiving and Indexing of Digital Resources and Assets - Ausblicke
  • Aus den verschiedenen Ordnern am Computer wird ein einziger: das Software-System Fedora verspricht auch für Geisteswissenschafter neue Formen des Publizierens, Archivierens und Kommunizierens.
    illustration: der standard/m. köck

    Aus den verschiedenen Ordnern am Computer wird ein einziger: das Software-System Fedora verspricht auch für Geisteswissenschafter neue Formen des Publizierens, Archivierens und Kommunizierens.

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