Des Ergötzlichen Anfang ...

17. September 2007, 18:49
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Eher schleppend und zögerlich stürzen sich die großen Wiener Sprechtheater in die Spielzeit 2007/08: ein Überblick über einen Theatersaisonbeginn

Wien - Wer kein genaues Augenmerk auf die allenthalben explodierenden Mail-Postfächer legt ("Sehr geehrter Medienpartner ...!"), dem könnte schlichtweg der Umstand entgangen sein, dass die Theatersaison einen weithin unvermerkten Start in den Herbst hingelegt hat.

Mit beinah diskreter Sachlichkeit schwindeln sich die Wiener Großinstitute in den Theateralltag hinüber. Stell dir vor, die Häuser spielen, und keiner sieht hin! Protzten die Bühnen ehedem mit rastloser Veröffentlichungswut, schlingern sie heuer träge und ungerührt in ein zähes Produktionsanbahnen.

Keine Hast trübt das selbstgewisse Klima. Die Wiener Burg beispielsweise veröffentlicht nächste Woche, am 20. September (19 Uhr), Shakespeares Romeo und Julia; Sebastian Hartmann, ein bis zum Irrwitz radikal tuender Spielvogt, inszeniert. Ein überwiegend junges Ensemble soll einbringen, was bisherige Burgtheater-Versuche anlässlich der Kontinentaldurchquerung Shakespeares häufig vermissen ließen: ein mehr als bloß routiniertes Abwandern geläufiger Spielrouten - einen Kopfsprung hinein in unvermessenes Gelände, bei gleichzeitiger Abgabe nervtötenden Stimmungs- und Mentalitätsballastes.

Die zweite Programmschiene wird wie gewohnt zeitgenössisch abgerattert: Am 22. September kredenzt das Burg-Kasino Feridun Zaimoglus/Günther Senkels Rechercheergebnis Schwarze Jungfrauen (20 Uhr): zehn "zu Monologen geronnene Interviews mit jungen Muslimas in Deutschland" (Regie: Lars-Ole Walburg). Zaimoglus furiose "Kanak Sprak" soll dem widerständigen Eigensinn von Migrantinnen aufhelfen. In eine ähnliche Kerbe schlägt das Stück Verbrennungen des Frankokanadiers mit libanesischen Wurzeln Wajdi Mouawad (Uraufführung am 28. 9. im Akademietheater, 19 Uhr, Regie: Stefan Bachmann): Ein Geschwisterpaar rekonstruiert die Familiengeschichte im Zeichen von Bürgerkrieg und Blutrache - ein Abtauchen in die atavistischen Wurzelgründe unserer Existenz. Wegen Renovierung ...

Das Wiener Josefstadt-Theater wird derweil noch technisch-baulich auf Vordermann gebracht. Direktor Herbert Föttinger hat sich und seiner Gemahlin Sandra Cervik unterdessen im Amüsierschuppen der Kammerspiele ein Räkeln in den Skandalbetten von Schnitzlers Reigen vergönnt.

Erst ab 15. November bekommt man im runderneuerten Plüschtempel des Haupthauses Substanzielles serviert: Peter Turrinis Umschrift von Goldonis Der Diener zweier Herren, streng abgezirkelt in die venezianische Gegenwart versetzt, ein Maskenspiel der Turbokapitalisten und Transportunternehmer.

Auch das Wiener Volkstheater, aufgrund einer Zahlungseinigung zwischen Stadt und Bund seit einiger Zeit der gröbsten Geldsorgen enthoben, tastet sich nur zögerlich in die neue Spielzeit hinüber: Nach der Bewegungstheater-Etüde Das Ballhaus folgt ab 7. Oktober die Mutter aller Beziehungstrümmerschlachten: Albees Wer hat Angst vor Virgina Woolf? in der Regie von Antoine Uitdehaag.

Bei so viel Zurückhaltung wollen auch die neu besetzten Wiener Mittelbühnen nicht mit der Portaltüre ins Haus fallen. Andreas Beck, der neue Leiter des Schauspielhauses in der Porzellangasse, wird erst gegen Ende Oktober die Konturen seines "Autorentheaters" nachzeichnen: mit den Hausautoren Ewald Palmetshofer und Gerhild Steinbuch, mit einem stehenden (Klein-)Ensemble und Überraschungsregisseuren wie Tilmann Köhler.

Unklar auch das Wähnen der neuen dietheater-Leiter Thomas Frank und Haiko Pfost: Unter dem vieldeutigen Begriff "brut" soll ein vielfältiges Theater-Gelege auf den Künstlerhaus- und Konzerthaus-Bühnen ausgebrütet werden. Vorab verlautet nur, dass man auf vorhandene künstlerische Ressourcen zurückgreifen will - am 9. Oktober werden die Programmdetails feierlich enthüllt. Unruhe? Darf nicht aufkommen. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 12.09.2007)

  • Mit ganz langem Anlauf hinein in eine neue Mittelbühnen-Ära: Haiko Pfost (li.) und Thomas Frank sollen unter dem Titel "brut" die alten "dietheater" auf Vordermann bringen.
    foto: hendrich

    Mit ganz langem Anlauf hinein in eine neue Mittelbühnen-Ära: Haiko Pfost (li.) und Thomas Frank sollen unter dem Titel "brut" die alten "dietheater" auf Vordermann bringen.

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