Ars Electronica: Alien am Schlagzeug und Marschmusik vom Laptop

18. September 2007, 10:04
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Klang-Wanderabend "Perfect Strangers" verband ungewöhnliche Musik und ebenso eigenartige Visualisierungen

Ein Außerirdischer am Schlagzeug, die Volksmusik eines nicht existierenden Staates und eine Marschmusikkapelle mit Laptops und Megafonen am Kopf statt Instrumenten: Weiter weg vom verkrampften Standard-Konzertalltag hätte das Musikangebot von "Perfect Strangers" gestern, Sonntag, im Rahmen der Ars Electronica nicht sein können. Zum fünften Mal wurden während des Festivals ungewöhnliche Musik und ebenso eigenartige Visualisierungen in Lentos, Klangpark und im fast vollständig gefüllten Brucknerhaus zu einem vielfältigen Klang-Wanderabend vereint. Und der rege Zuspruch zeigte: Orchestermusik funktioniert auch ohne dass die Besucher grantig dreinschauen.

Eine Stadt zieht auf einer Leinwand vorbei, so, als ob man aus einem Autofenster blicken würde. Mit einem großen Unterschied: Je mehr Klänge aus einem elektronischen Schlagzeug erklingen und je heftiger diese sind, desto mehr Gebäude, Fast Food-Werbungen, Straßenschilder bekommt diese Stadt. Der "Scenic Panner" der Schweizer Urs Hofer und Stefan Bischoff verband elektronische Klänge und eine Gebäude-Datenbank live - zuerst im Lentos und dann im Brucknerhaus - zu unendlichen Syklines auf großer Leinwand. Ein interaktiver "Road Movie" der anderen Art.

Anders als gewohnt präsentierte sich den Besuchern, die nach dem ersten Konzertteil mit live bearbeiteten Werken Luigi Nonos im Lentos Richtung Brucknerhaus wanderten, auch eine urösterreichische Stilrichtung: Die "MidiMarschMusik-Kapelle" brachte einen digitalen Twist in die sonst - nicht unbedingt bedauernswerterweise - auf Volksfeste und Militärereignisse beschränkte Marschmusik. Mit Laptops vor dem Bauch und Megafonen am Kopf marschierten die Musiker am Donauufer entlang, jeder von ihnen programmierte am Laptop ein eigenes Instrument - da verwandelte sich jeder Vorbehalt gegen stampfende Humptata-Einfalt in ein Lächeln.

Lächeln und Szenenapplaus

Mit einem Lächeln und Szenenapplaus begann dann auch der Auftritt des Bruckner Orchesters: Als Dirigent Dante Anzolini schon zum Einsatz anhob, huschte einer der beiden "Scenic Panner"-Macher nochmal auf die Bühne, um sein dort vergessenes Getränk zu holen. Das wäre anderswo wohl eher mit Pfiffen bedacht worden. In Linz sorgte es für gute Stimmung, die jedoch beim eher mau dargebotenen Konzert für Klavier und Orchester (Solistin: Maki Namekawa) von György Ligeti nicht ganz aufrecht erhalten wurde. Auch der prinzipiell witzige und durch harmonische Eigentümlichkeit zuerst bestechende "Bolero" von Masahiro Miwa, der die Volksmusik der real nicht existierenden "Giyacks" auf die Bühne brachte, war zu lang und ermüdend. Ob die Giyacks deswegen verschwunden sind?

Unbedingt muss jedoch gewürdigt werden: Das Bruckner Orchester hat sich als das Gegenteil eines Spielverderbers gezeigt. Gegen 22.45 Uhr spielte der Klangkörper dann noch Frank Zappas "The Perfect Stranger" (namensgebend für den Abend) und "Dupree". Zuvor hatten "The Sancho Plan" einen optisch spektakulären Auftritt geboten: Ein überdimensionales Alien hinter einem futuristischen Schlagzeug auf der großen Leinwand des Brucknerhauses imitierte in Sekundenschnelle jede Bewegung eines real Zappas "Black Page" spielenden Musikers.

Und der abwechslungsreiche Abend sollte noch lange in die Nacht gehen, abgeschlossen von den Linzer Brachial-Elektronikern Fuckhead.(Von Georg Leyrer/APA)

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