Bawag-Operation am offenen Herzen

11. September 2007, 09:55
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Wirtschaftsprüfer, die 2006 den ersten umfänglichen Bericht erstellt hatten, sagten aus. Allerdings gab es mehr Fragen als Belege

Im Bawag-Strafprozess sagten jene Wirtschaftsprüfer aus, die 2006 den ersten umfänglichen Bericht erstellt hatten. Eine schwierige Operation: Es gab mehr Fragen als Unterlagen. Rückflüsse wurden nicht gefunden.

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Wien – Der 23. Tag in der "Strafsache gegen Helmut Elsner und andere" gewährte dem Gericht und interessiertem Publikum (der Andrang hielt sich in Grenzen; nach der Gluthitze im Großen Schwurgerichtssaal müssen sich die Angeklagten nun auch aus klimatischen Gründen warm anziehen, aber sie können bei der Richterin warme Decken anfordern) Einblicke ins Leben eines zu einem Notfall gerufenen Wirtschaftsprüfers. Als Zeugen traten die Prüfer (Ernst & Young), Elisabeth Glaser und Martin Schwarzbartl, auf. Sie hatten am 20. April 2006 von der Finanzmarktaufsicht FMA den Auftrag erhalten, die Bawag auf Herz und Nieren zu untersuchen, und gaben Ende August einen aus einem Dutzend Bänden bestehenden Prüfbericht ab. Vier Fragen sollten sie aufklären, erzählte Glaser bei ihrem Auftritt, mit dem sie Richterin wie kritisch fragende Anwälte glatt an die Wand spielte: Eigenmittel, Firmenwert, Erträge und Aufwendungen aus Karibikgeschäften sowie Garantien. Die Kernaussage in Richtung Angeklagte: "Es gab keine Kickbacks" (Geldrückflüsse; Anm.).

Insgesamt entpuppte sich der Auftrag als schwierige Operation am offenen Herzen und gewährt einmal mehr einen Blick in das Tohuwabohu, in dem sich alle Involvierten befanden. "Es gab ständig neue Ermittlungen und Erkenntnisse: Auf dieser Basis mussten wir arbeiten", beschrieb das die Wirtschaftsprüferin. Was die Arbeit nicht leichter machte: "Immer wieder forderten die Prüfer Unterlagen an, spätestens im Juni hatten wir das Gefühl, nicht alle bekommen zu haben".

Unter die Lupe genommen haben die beiden sämtliche Flöttl-Geschäfte ab 1998, aber: "Wir hatten nie Zugang zu den Basisgeschäften, die zu den Totalverlusten führten." Jedenfalls habe die Bank dann vier Stiftungen gegründet, "und mit ihnen versucht, die Sache zu sanieren", sagte Schwarzbartl aus.

Auf der Suche nach Fakten nahm der Wirtschaftsprüfer (heute Finanzbeamter) im Sommer 2006 auch an einer Reise des Bundeskriminalamts zu Flöttl nach New York teil. Im_Rahmen einer "freiwilligen Nachschau" habe man Flöttls rund 120 m2 großes Büro "an einer der teuersten Straßen New Yorks, in der Lexington_Avenue, besichtigt. Große Geschäfte wurden von dort aus damals sicher nicht mehr getätigt", berichtete der Zeuge. Ob er interessante Unterlagen gesehen habe? "Nein, keine Einsicht, kein Zugang zu Unterlagen."

Das Problem, dass man eigentlich bis heute nicht weiß, was Wolfgang Flöttl mit dem Geld der Bawag wirklich angestellt hat, plagt auch das Gericht, wie Richterin Claudia Bandion-Ortner mit ihren Fragen an Flöttl herausarbeitete. "Wo sind die Unterlagen, wo ist die EDV-Dokumentation?" fragte die Richterin ratlos, um noch ratloser zurückzubleiben. Flöttl beteuerte, "keine Aufzeichnungen" über die Verlustgeschäfte zu haben, auch nicht in der EDV.

Nur Bruchstücke

Er verwies auf die "Audits (Prüfung; Anm.) von Arthur Andersen", die sich im Gerichtsakt aber nur bruchstückhaft finden. Er selbst habe "das alles nicht, ich habe ja mein Büro auf den Bermudas 2000 aufgelöst. Wenn’s beendet ist, ist’s beendet", meinte der Ex-Investmentbanker salopp.

Das Resümee der Prüfer zu ihrem "persönlichen Eindruck von den Sondergeschäften" brachte Schwarzbartl so auf den Punkt: "Die Unterlagen haben nicht ausgereicht für ein Gesamtbild, welche Geschäfte Flöttl getätigt hat." Seine Ex-Kollegin brachte ob der vielen Auftragserweiterungen ein eindrückliches Bild: "Es war wie in einer dieser Ärzteserien: Alle standen um den Patienten und fragten: Was kann es sein? Und während wir noch die Hand untersuchten, kamen wir drauf, dass es auch um die Leber ging."

Die Notenbank (OeNB) hat übrigens gegen die OÖ Nachrichten eine gerichtliche Schlappe eingesteckt: Die Zeitung hat ein Verfahren gewonnen, in dem die OeNB gegen die Behauptung klagte, sie habe 1994 mit dem Justizministerium Bawag-Ermittlungen verhindert. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.09.2007)

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