Ein "Mythos des Gesangs" ist tot

6. September 2007, 17:39
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"Big P", einer der berühmtesten Tenöre der Gegenwart, starb am Donnerstag 71-jährig in seiner Geburtsstadt Modena

Luciano Pavarotti, der durch die Drei Tenöre und seine Benefizkonzerte äußerst populär wurde, litt seit zwei Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.


Modena – Eine Ende der 80er-Jahre in Italien erschienene Biografie über ihn hieß schlicht "Luciano Pavarotti – un mito della lirica" (Ein Mythos des Gesangs). Dass der 1935 in Modena geborene Bäckersohn schon früh zur Legendenbildung taugte, verdankte er zunächst einmal seiner Stimme – und nur dieser. Ausgestattet mit Brillanz, geschmeidiger Tongebung, stratosphärischer Höhe und lyrischem Schmelz: Mit ihr eroberte er sehr rasch die ersten Häuser Europas.

Bereits 1963, nur zwei Jahre nach seinem Debüt als Rodolfo in Puccinis "La Bohème" in Reggio Emilia, war er als Einspringer in der gleichen Partie an der Wiener Staatsoper zu hören. Und kurze Zeit später schlug seine Stunde, als man an Covent Garden in London einen Ersatz für den großen Giuseppe di Stefano suchte. Trotzdem wäre Pavarottis weitere Laufbahn vielleicht weniger steil verlaufen, hätte er nicht zur selben Zeit die Aufmerksamkeit des Musikerehepaars Richard Bonynge und Joan Sutherland erregt. Denn als Partner der australischen Diva wurde Pavarotti ab Mitte der 60er-Jahre nicht nur durch gemeinsame Bühnenauftritte, sondern auch durch zahlreiche Schallplattenprojekte für Decca schnell bekannt.


Luciano Pavarotti: "Ave Maria"

In seinen frühen Jahren verweigerte sich der Tenor konsequent jenen Rollen, die seiner Stimme abträglich waren, und bewegte sich vorwiegend auf seinem Terrain eines "Tenore di grazia". Und feierte damit als besagter Rodolfo, Tonio ("La Fille du régiment"), Elvino ("La Sonnambula"), Edgardo ("Lucia di Lammermoor"), Nemorino ("L'Elisir d'amore"), Arturo ("I Puritani") oder als Herzog ("Rigoletto") fabulöse Triumphe.

Akrobat der Töne

Der schon damals raumgreifende Sänger war in der Tat unschlagbar, wenn es um das Anpeilen und Aushalten von Spitzentönen ging. An seinen besten Abenden schaffte er in den erwähnten Partien mühelos mehrere Sprünge in die höchsten tenoralen Regionen und bot wahre akrobatische Feuerwerke an hohen Cs, wie etwa in Donizettis "La Fille du Régiment". Das Publikum raste und Pavarotti schrieb Vokalgeschichte – wenn auch eine eher eindimensionale.

In den 80er-Jahren gebot es sein Ehrgeiz, sich den dunkler eingefärbten und schwereren Partien seines Fachs anzunehmen – nicht immer zum Vorteil der Interpretationen. Zwar büßten diese nichts an Glanz und Geschmeidigkeit ein, doch es war unüberhörbar, dass tragische Abdunklungen dem Naturell dieser Stimme nicht unbedingt zuträglich waren. Und als sich Pavarotti Anfang der 90er-Jahre in New York in den Verdi'schen "Otello" oder an der Mailänder Scala in den "Don Carlo" verirrte, musste er bitter dafür büßen und erstmals Pfiffe hinnehmen.

Dennoch erlebte Pavarotti als Mittfünfziger seinen größten Karriereschub. Durch cleveres Marketing seines Managers Herbert Breslin (der ihn später in seinem Buch "The King and I" wenig schmeichelhaft als faul, verfressen und lernunfähig bezeichnen sollte) wurde "Big P.", wie ihn seine US-Fangemeinschaft rief, zum Massenidol gepusht.


James Brown und Luciano Pavarotti: "It's a Man's World"

Als er mit seinen Kollegen José Carreras und Placido Domingo 1990 musikalisch für die Fußball-WM werben durfte, wurde er für viele, die bis dato nichts mit klassischer Musik am Hut hatten, zum Inbegriff des Opernsängers schlechthin. Plötzlich war da einer, dem es gelang, sich mit einem tischdeckengroßen Schweißtuch und einer mittlerweile schon bedrohlichen Körperlichkeit in die Herzen eines Milliardenpublikums zu singen. Dieser multimediale Spagat zwischen E- und U-Musik wurde als Live-Mitschnitt mit mehr als zehn Millionen verkauften CDs zum größten Klassiker-Bestseller der Schallplattengeschichte.

Kunst und Kommerz

In den folgenden, ebenso weltweit vermarkteten Events und Benefizkonzerten mit Popstars wie Lucio Dalla, Zucchero, Elton John, Sting oder Bon Jovi war sich Pavarotti nicht zu schade, Schnulziges und Kitschiges zu veredeln. Im Central Park schmetterte er sein "O sole mio" vor einer halben Million Menschen. Wie kaum eine andere Sängerkarriere stand seine Laufbahn gegen Ende hin paradigmatisch für die Auflösung der Grenzen zwischen Kunst und Kommerz und der Name "Pavarotti" für die am besten laufende Geldmaschine im globalisierten Klassikbetrieb.

Sein Privatleben geriet aber immer öfter in die Schlagzeilen der Boulevardpresse – mit einem Streit um Steuermillionen, der Scheidung von seiner ersten Frau Adua und der Hochzeit mit seiner mehr als 30 Jahre jüngeren Ex-Sekretärin Nicoletta Mantovani. 2004 verkündete Pavarotti seinen Abschied von der Opernbühne, startete jedoch eine Farewell-Tour, die er 2005 unterbrechen musste, als bei ihm Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde. Im vergangenen Jahr musste er sich in New York einer Operation unterziehen.


Die Drei Tenöre: "Nessun Dorma" (Puccini)

Seinen letzten großen Auftritt hatte er bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele im Februar 2006 in Turin, als er mit einem seiner Paradestücke – "Nessun dorma" aus Giacomo Puccinis "Turandot" – nochmals ein Milliardenpublikum begeisterte. Die Frage, ob denn nun Pavarotti der größte Tenor der letzten Jahrzehnte war, wird die Welt der Melomanen vielleicht noch lange in zwei Lager spalten. Aber eines ist unbestritten: Unter all den großen Tenören war er der spektakulärste. (Peter Stalder / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2007)

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    Der italienische Star-Tenor Luciano Pavarotti ist tot. Dies teilte sein Manager am Donnerstag mit.

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