Kopf des Tages: Süßes Stanitzel mit ostdeutscher Vergangenheit

31. Oktober 2007, 15:36
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Bald 200 Jahre ist die Schultüte in drei Jahren alt, beliebt ist sie bei den ABC-Schützen vor allem wegen ihrer inneren Werte

Wenn sich die ehemaligen Ostdeutschen auf ein Datum einigen, könnte in drei Jahren "200 Jahre Schultüte" gefeiert werden. 1810 ist das in den meisten Quellen genannte Jahr, wenn es darum geht, wie weit der Brauch der vorwiegend süß gefüllten Pappendeckel-Stanitzel zurückreicht.

Damals begannen die Eltern in Sachsen und Thüringen, ihren ABC-Schützen den Weg in den "Ernst des Lebens" derart zu versüßen. Stolz verzeichnen lokale Chronisten, dass die ersten gesicherten Nachrichten über Schultüten aus Jena (1817), Dresden (1820) und Leipzig (1836) kamen.

Auf jeden Fall waren sie die, der deutschen Ordnungsliebe folgende, Reglementierung vorangegangener Zuwendung - denn schon vorher war es üblich, den Kleinen Brezeln oder anderes Kleingebäck auf den ersten Schulweg mitzugeben. Die kegelförmige Form der Verpackung ergab sich aus einer anderen Tradition, der so genannten, ausschließlich mit Süßigkeiten gefüllten Storchentüte. Die bekam ein Kind, wenn neuer Familienzuwachs da war, gewissermaßen als Trost für die verminderte elterliche Zuwendung.

Im "Kerngebiet" der Schultüte wurde diese nicht dem Schulanfänger direkt in die Hand gedrückt, sondern von den Eltern mit einem Namenszettelchen versehen und zur Schule gebracht. Dort wurden die Tüten auf den aus einem Drahtgestell bestehenden "Zuckertütenbaum" gehängt, und die Kleinen mussten ihn von dort herunterangeln.

So flächendeckend wie heutzutage war der Einsatz des Schulstarters noch nicht, das gelang erst den Nationalsozialisten. Die beschlossen, genormte Einheits-Schultüten durch die Lehrerschaft verteilen zu lassen - auch in der Ostmark. So kam die Tüte auch in Österreich in Umlauf.

Mit Kriegsende war Schluss mit der Normtüte, die DDR suchte auch in diesem Bereich Abgrenzung. Dort waren die Schultüten nicht wie in der BRD runde Kegel, sondern sechseckige Stanitzel, was übrigens bis heute gehalten hat.

In Österreich geriet die Schultüte weit gehend in Vergessenheit - bis die kommerzielle Fertigung der Tüte samt süßem Inhalt auch in Österreichs Supermärkten und Zuckerlgeschäften ihren Verkaufsplatz sicherte. Trotzdem wird der Brauch bei uns nicht so sehr gepflegt wie in deutschen Landen, wo der Naschkegel derzeit gerade durch Warnungen der Ärzte in Verruf kommt: zu viel Süßes, zu viel Gefahr, Karies und Übergewicht zu bekommen. Deshalb auch die in Internetforen verbreiteten Aufforderungen, die Schultüte noch mehr als bisher auch mit praktischen Schulutensilien zu füllen.

Ob so viel praktische Vernunft dazu führen wird, dass die kleinen Schleckermäuler der Schultüte durch Ablehnung den Garaus machen, bleibt abzuwarten. Auf ihr 200-Jahr-Jubiläum werden die Hersteller kaum verzichten. (Klaus-Peter Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2007)

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    foto: der standard/newald
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