Geschichten, Legenden, Mythen

7. September 2007, 13:20
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Kulturwissenschaft als Brückenschlag: Arno Hellers Buch über den amerikanischen Südwesten

Zwar hat die Anthropologie der modernen Literaturwissenschaft entscheidende Anstöße gegeben, aber ein emeritierter Philologe, der zum Reiseschriftsteller mutiert, ist doch eine Ausnahme in der Zunft. Auf Nachfrage erklärt der österreichische Amerikanist Arno Heller, dass es ihn zunehmend "frustriert, wenn die Geistes- und Kulturwissenschaften zu einem überspezialisierten und theorieüberfrachteten Nischen- und Selbstbeförderungsbetrieb regredieren und sich damit ins gesellschaftliche Out stellen". Er beklagt den Mangel an "Brücken von der Wissenschaft zu einem gebildeten und interessierten Lesepublikum außerhalb der Universität".

Hellers attraktives Buch zum amerikanischen Südwesten fällt in den Bereich der angewandten Kulturwissenschaft, die eine solche Brücke zu schlagen versucht. Es ist reich bebildert, enthält Routenvorschläge und Prioritätenlisten, die Planung wie Durchführung einer Reise erleichtern, versucht aber gleichzeitig, wissenschaftlich fundiertes Wissen einzubringen. Es ist kein Reiseführer im eigentlichen Sinn mit Tipps fürs Nachtleben und den Gaumen (die Aussparung der kulinarischen Dimension ist auffällig), aber wird dennoch von jenen konsultiert werden, die eine rationale Entscheidungsgrundlage für eine Reiseplanung jenseits des zufälligen geografischen Neben- und Nacheinanders möglicher touristischer Sehenswürdigkeiten wünschen.

Das Buch bewegt sich vage chronologisch von den prähistorischen indianischen Kulturen zur Gegenwart. Amerikanisten sind meist keine Spezialisten für die Kulturen der Ureinwohner der Neuen Welt, und der Verfasser bemüht sich um dieses Thema auch mit größtmöglicher Vorsicht. Die Teile zu den verschiedenen indianischen Völkern und deren Auseinandersetzungen mit den Spaniern sind sehr faktenorientiert. In Bezug auf die "Anglos", die erst später in der Region eintreffen, tritt der Literatur- und Kulturwissenschafter sehr viel selbstbewusster auf und zögert nicht, den Charakter eines Ortes durch die Erzählungen über ihn – seine "Narrativierung" – zu bestimmen.

Dietmar Grieser hat Orte bereist und geschildert, um Literatur zu erklären; Heller dagegen nutzt Literatur, um uns über touristische Destinationen zu informieren, aber nicht als Steinbruch für benötigte Details oder gar als Dekoration, sondern aus der Einsicht heraus, dass jegliche Realität auch erzählerisch erschaffen wird. Er bringt damit eine neue Qualität in die Reiseliteratur, die traditionell dem "Faktischen" verbunden ist.

Interessantes Beispiel hierfür ist der faszinierende Abschnitt zu einer Ikone des Südwestens, Billy the Kid. Gleich zu Beginn betont Heller die "merkwürdige Diskrepanz zwischen Billys historischer Bedeutungslosigkeit und der ungeheuren Quantität und Intensität seiner Rezeption". Der hier unternommene Versuch, gesichertes historisches Material mit den vielen literarischen und filmischen Interpretationen dieser regionalen Leitfigur zu vergleichen, zeigt wohl am besten die Möglichkeiten einer historisch informierten Kulturwissenschaft, Beiträge zum (auch touristischen) Verständnis einer ganzen Region zu leisten. Dies mag besonders für eine Region wie den Südwesten der USA gelten, der sich laut Heller besonders durch "die Tendenz zur Herausbildung von Geschichten, Legenden und Mythen" auszeichnet. Aber welcher Ort, welche Region tut dies eigentlich nicht?

Die Kapitel über die Konstruktion eines Südwest-Mythos, die sich u. a. mit der Künstlerkolonie in Taos, New Mexico und mit D. H. Lawrene und Georgia O’Keeffe befassen, sowie jene über den Südwesten in Literatur und Film vermitteln dem zukünftigen Besucher die notwendige media literacy, um das vor Ort Erfass- und Erlebbare mit den literarischen und populärkulturellen Konstruktionen in sinnvollen Zusammenhang zu bringen.

Das Buch hat ein in der Einleitung explizit gemachtes politisches Anliegen. Es will die, laut Heller, "zweifellos berechtigte" kritische europäische Perspektive auf die "politische, wirtschaftliche und militärische Rolle … der Supermacht USA" relativieren. Durch "Stereotypen und Vorurteile" wachse der Anti-Amerikanismus, dem allerdings durch Einsicht in den "regionalen" Charakter der Vereinigten Staaten entgegengearbeitet werden könne. Das "andere" Amerika, so heißt es im Klappentext, werde durch die "ethnische und kulturelle Vielfalt der Menschen und den Reichtum an regionaler Geschichte, Kultur und Literatur" repräsentiert.

In anderen Worten: In der regionalen Betrachtung erscheinen kulturelle Kräfte, die das dominante Erscheinungsbild der "globalen Supermacht USA" verändern könnten. Dem widerspricht jedoch die Darstellung des Buchs selbst, die hegemoniales Denken und repressive Politik von den prähistorischen Anfängen bis zur Jetztzeit reichlichst dokumentiert. Die geheimnisvolle Anasazi-Kultur muss indianischen Nomaden weichen; die Ureinwohner werden von den Spaniern dominiert; die Spanier bzw. Mexikaner müssen dem anglo-amerikanischen Expanisionismus nachgeben; dieser wieder, sobald er sich als regionale Identität verfestigt hat, muss sich der radikalen Kommerzialisierung durch den modernen Kapitalismus erwehren.

Im Grunde könnte man die Region als Musterbeispiel für imperiale Handlungsmuster "Amerikas" ansehen – wenn nicht die jeweils unterdrückten Stimmen bis heute ihre vitale Ausdruckskraft behalten hätten. Gerade deshalb ist eine literarisch-kulturwissenschaftliche Darstellung so wichtig – sie berücksichtigt Stimmen, die schon lange nicht mehr gehört oder gelesen werden können. Und nicht zuletzt deshalb ist Hellers Text ein Experiment, das Schule machen sollte. Sein Buch ermöglicht es dem Touristen, zum emanzipierten Reisenden zu werden. Der Autor selbst will daran weiter arbeiten: Leser, die sein Buch zur Grundlage für eine Erkundung des Südwestens nutzen, werden in einigen Jahren mit einem weiteren Band der Serie auch den Nordwesten bereisen können. (Walter Grünzweig, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 01./02.08.2007)

Arno Heller, "Amerikanischer Südwesten. Geschichte, Kultur, Mythos". € 24,-/272 Seiten. innsbruck university press, Innsbruck 2007.
  • Go west, oder besser gesagt in den amerikanischen Südwesten. Am besten mit  Arno Hellers Buch in der Tasche, das elegant  Wissen vermittelt. Auf dem Bild links eine Impression aus Albuquerque, das im 12. Jahrhundert von den geheimnis-vollen Anasazi besiedelt wurde.
    foto: arno heller, "amerikanischer südwesten. geschichte, kultur, mythos". innsbruck university press, innsbruck 2007.

    Go west, oder besser gesagt in den amerikanischen Südwesten. Am besten mit Arno Hellers Buch in der Tasche, das elegant Wissen vermittelt. Auf dem Bild links eine Impression aus Albuquerque, das im 12. Jahrhundert von den geheimnis-vollen Anasazi besiedelt wurde.

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