James Der Derian: "Medien sind seit 9/11 Angst-Multiplikatoren"

26. September 2007, 15:18
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Im Jahr 2027 gibt es für James Der Derian eine einzige große Medien­macht – und die heißt Google - Der amerikanische Medienexperte im STANDARD-Interview

STANDARD: Haben sich die Medien seit dem 11. September verändert?

Derian: Das so genannte Informationszeitalter mit all seinen Verheißungen von einer friedlicheren Weltpolitik war extrem kurz. Die Ereignisse um den 11. September zeigten vor allem, wie schnell Medien benützt werden können, um Formen globaler Gewalt zu generieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass die 17 Minuten zwischen den Anschlägen auf das World Trade Center von Osama Bin Laden beabsichtigt waren – um die Medienberichterstattung auf ein Maximum zu treiben. Die Lücke erlaubte es den Sendern, Kameras aufzubauen. So konnte Bin Laden sicher sein, dass die Welt die Bilder sieht. Dann gab es Bush, Cheney und Rumsfeld, die den Informationskrieg beschleunigten, indem sie die Metaphorik von Nazismus und Kommunismus benutzten, um so ihren Medienkrieg als Teil des weltweiten Krieges gegen Terrorismus zu rechtfertigen. Medien wurden so zum Multiplikator für Ängste.

STANDARD: Welche Auswirkungen hat die "Breaking-News-Kultur" auf die Demokratie?

Derian: Die Medien tendieren seither eher dazu, die Auswirkungen von Gewalt zu verstärken, als friedvollen Wandel herbeizuführen. In 20 Jahren sprechen sie Gefühle noch stärker an als jetzt. Ängste, Hass, aber auch Mitgefühl.

STANDARD: Wie werden sich die Medien in den nächsten 20 Jahren entwickeln?

Derian: Das lässt sich so nicht beantworten. Jedes Medium, ob Radio, Fernsehen, Film oder Video hat politische und kulturelle Auswirkungen auf die Gesellschaft. Aber zum ersten Mal können wir nicht mehr von "den" Medien sprechen. Die Digitalisierung sprengt den Inhalt des Begriffs.

STANDARD: Wie verändert Internet das Fernsehen?

Derian: Es kommt zu einer Zunahme an Medienplattformen. Der Fernseher als Empfangsgerät wird ausgedient haben, Online- und digitale Angebote werden über den PC genutzt. Der Rundfunkanbieter, der nur sein Programm ausstrahlt, ist damit Vergangenheit. Die Menschen wählen völlig frei aus, was sie sehen wollen.

STANDARD: Ein Weg zu mehr Medienkompetenz?

Derian: Wir erleben im Moment einen Rückschlag; hoffe, wir haben ihn bis 2027 überwunden: Mit der Beschleunigung durch die Medien haben wir zu reflektieren verlernt. Wir brauchen Feuerpausen, damit wir Reflexionsmomente einlegen können. Mehr Plattformen, die Information hinterfragen, könnten sehr wohl Auswirkungen auf demokratische Prozesse haben.

STANDARD: Klingt nach Google-Macht?

Derian: Die große Medienmacht 2027 wird tatsächlich Google sein. Google hat den großen Vorteil, Informationen in hoher Geschwindigkeit zu sammeln und zu verbreiten und hat Zugang zu so vielen Quellen. Länder wie China oder Saudi-Arabien fürchten die Google-Macht schon jetzt. (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 31.8.2007)

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    "Breaking-News-Kultur": Am ersten Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center bauten die Fernsehsender wieder ihre Kameras in Manhattan auf.

  • James Der Derian leitet das "Information Technology, War, and Peace Project" an der Brown University und ist Vortragender bei der grünen Sommerakademie in Puchberg am Schneeberg, die sich noch bis Samstag mit der Macht neuer Medien beschäftigt.
    foto: privat

    James Der Derian leitet das "Information Technology, War, and Peace Project" an der Brown University und ist Vortragender bei der grünen Sommerakademie in Puchberg am Schneeberg, die sich noch bis Samstag mit der Macht neuer Medien beschäftigt.

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