Gespenster in Ungarn

29. August 2007, 18:44
28 Postings

Es wäre ein folgenschwerer Fehler, die neue "Ungarische Garde" und andere radikale Gruppierungen als unbedeutend oder lächerlich abzutun

Dem Beobachter, der die ganze gespenstische Vereidigungszeremonie der ersten Mitglieder der neuen "Ungarischen Garde" auf der Budapester Burg mit den abgewandelten faschistischen Emblemen auf ihren schwarz-weißen Uniformen, samt Fahnenweihe durch katholische, evangelische und reformierte Pfarrer in den Videoaufnahmen, verfolgte und die Aufrufe zur "Rettung des physisch, seelisch und geistig" tödlich gefährdeten Ungartums auf der Webseite der Organisation las (www.magyargarda.hu), fällt der Satz William Faulkners ein: "Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist nicht einmal vergangen." Diesem angeblichen "Kulturverein" kann jeder Ungar über 18 angehören, unabhängig davon, welche Staatsbürgerschaft er oder sie besitzt.

Mit der im schwülstigen Stil angekündigten nationalen Mission des vorderhand unbewaffneten paramilitärischen Verbandes im "Karpatenbecken" will der Anführer der rechtsextremen politischen Gruppe, "Jobbik", der 29-jährige Gábor Vona über die Grenzen hinweg die ungarische Nation vor den Gefahren schützen, die angeblich den großen ungarischen Minderheiten in den Nato-Anrainerstaaten drohen. Deshalb hat die Aktivität der Garde, die übrigens bereits 2000 Anmeldungen erhalten haben soll, in den Nachbarstaaten ein besonders starkes Echo ausgelöst.

Die Pfeilkreuzler-ähnliche Ausrüstung hat die Kommentatoren der Weltpresse verblüfft und die jüdischen Organisationen empört. Während des Zweiten Weltkrieges wurden schätzungsweise zwischen 560.000 und 600.000 ungarische Juden und getaufte Christen, vor allem 1944 durch Deportation nach Auschwitz, umgebracht. Die Schreckensherrschaft der von den Deutschen im Oktober 1944 eingesetzten Pfeilkreuzler kostete allein in Budapest mehr als 50.000 Juden das Leben. Als Folge der Taktik der "verbrannten Erde" mussten noch knapp vor Kriegsende auch zehntausende Zivilisten sowie ungarische, deutsche und sowjetische Soldaten sterben. Der grenzenlos verblendete Nationalismus des Horthy-Regimes als Folge der Amputation des historischen Ungarn durch das Diktat von Trianon (1920) führte das Land auf der Seite Hitler-Deutschlands ins Verderben. Rund 40 Prozent des Nationalvermögens wurden im Krieg vernichtet; mehr als 900.000 Ungarn starben. Der Zweite Weltkrieg war also auch eine Tragödie des Ungartums.

Es wäre ein folgenschwerer Fehler, die neue "Ungarische Garde" und andere radikale Gruppierungen als unbedeutend oder lächerlich abzutun. Im Hintergrund entwickelt sich nämlich eine breite Protestbewegung gegen das halbherzige Reformprogramm der zutiefst gespaltenen regierenden sozialistischen Partei und ihrer linksliberalen Koalitionspartner. Der Fidesz-Chef und ehemalige Ministerpräsident Viktor Orbán fischt laut der Neuen Zürcher Zeitung (24. 8. 07) "seit Jahren mit dunkler Rhetorik und missverständlichen Gesten in trüben nationalistischen Gewässern". Er und seine Partei haben sich bisher keineswegs eindeutig von der merkwürdigen neuen "Garde" und ihrer ethnisch-völkischen Linie distanziert. Angesichts der Unzufriedenheit, ja des Hasses heterogener Schichten gegen das vermeintliche Machtkartell der neuen Bourgeoisie und der obersten postkommunistischen Staatsbürokratie ist die Gründung von nationalistischen paramilitärischen Gruppen ein Spiel mit dem Feuer. Dass eine eindeutige Verurteilung der Gründung solcher "Garden" durch den Staatspräsidenten und die Spitzenrepräsentanten der Kirchen bisher ausgeblieben ist, ist deshalb schwer verständlich. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2007)

Share if you care.