Ängste: Verdammt und zugenäht

6. September 2007, 18:47
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Clarina Bezzola sammelt bei ihr unbekannten Menschen Kleider für ihr Projekt - bei Krinzinger Projekte

Kunstwerke müssen eben nicht gut riechen. Aber manchmal würde es nicht stören, es wäre dennoch so. Ein solches "manchmal" tritt ein, wenn man sich inmitten von Clarina Bezzolas Installation aus Altkleidern befindet und das Odeur jahrelang in irgendwelchen Kleiderschränken vor sich hingegilbter Klamotten daran erinnert, warum man das Einkaufen von Secondhand-Ware lieber anderen überlässt.

Das ist aber auch schon der einzige Makel, der der aktuellen Arbeit Bezzolas - "Der glückliche Tod im Leben und die Geburt ins Jetzt" - anhaftet. Und auch Makel ist in diesem Fall falsch: So sind doch die aufwändig mittels Zippverschlüssen zu einem den Raum durchspannenden Netz zusammengenähten Blusen, Hosen, Jacken und Kleider in diesem Zustand wesentlich authentischere Teile einer Form gewordenen Metapher der Gesellschaft. Anekdoten zu Trägern und Teilen sind zusätzlich auf applizierten Zetteln dokumentiert.

"In meiner Arbeit hinterfrage ich diese Idee von soliden, Schutz bringenden Strukturen", erläuterte die 1970 in Zürich geborene, heute in New York lebende Künstlerin einmal. "Ich ergründe das Dahinterliegende: unsere Ur-Angst vor dem Verletztwerden. Meine Objekte erzählen Geschichten über Einschränkungen und Isolation."

Das Beengende dieses Netzes thematisiert Bezzola auch in ihrer Performance, die in der nach der Augustsperre wieder geöffneten Ausstellung mittels Video gut dokumentiert ist: Sie fügt sich, eigenäht in einen an gestreifte Gefängniskleidung erinnernden Catsuit, wie ein Kettenglied in die Netzstruktur ein. Dann kehrt sie ihr Innerstes nach außen, spuckt Ängste und Gedankenwelten aus, die tief und gut versteckt schlummern und selten von Lippen zu Hörbarem geformt werden. Ein Wortschwall, der sich von "Ich bin immer für alles verantwortlich" bis zu "Angst, ich glaube nicht mehr an dich" ergießt. Ein abgewandeltes Zitat aus der Bach-Kantate Ich habe genug, das Bezzola, die in Teenager-Tagen mit einer Sängerkarriere geliebäugelt hatte, ins Publikum schmettert. (kafe / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.8.2007)

Krinzinger Projekte Schottenfeldgasse 45, 1070 Wien. Von 5. 9. bis 29. 9.

Link: www.galerie-krinzinger.at/projekte

  • Sich vom Schutzschild des Bekannten lösen:  Einzig die Uniform vermittelt Sicherheit und Seriosität.
    foto: krinzinger projekte

    Sich vom Schutzschild des Bekannten lösen: Einzig die Uniform vermittelt Sicherheit und Seriosität.

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