Dichten im Kopf der Figuren

31. August 2007, 17:52
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John von Düffel hat mit dem Roman "Beste Jahre" ein kleines Meisterstück vorgelegt: Fragen der Moral, der Medizin und der Familie – Im STANDARD-Interview

Wien – "Wobei das Schöne daran war, dass er nichts mehr um jeden Preis wollte", hebt John von Düffel in Beste Jahre über seinen gerade 40, ruhig und häuslich gewordenen Helden an. "Er musste nicht mehr unbedingt mit dieser oder jener Frau schlafen und auch nicht länger seinen Vater umbringen. Er hatte keinen Konflikt mehr mit der älteren Generation und noch keinen mit der jüngeren." Kurz: "Ihm war das Dramatische in seinem Leben völlig abhanden gekommen."

Was beginnt wie ein besserer Gabriel-Barylli-Schinken, entwickelt sich zu einem hinterfotzigen kleinen Meisterstück über die Tücken der mittleren Jahre, des Mittel- und Wohlstandes. Von Düffel treibt ordentlich Schabernack. Mit dem Protagonisten, einem Schauspieler, den das Dramatische in seinem Leben sehr schnell wieder einholt. Und mit dem Leser, den er mit brisanten Fragen über Medizin, Familien und Moral konfrontiert, ohne Antworten anzubieten.

STANDARD: Herr von Düffel, Sie tun in "Beste Jahre" Dinge, die einem Autor von so genannter guter Literatur eigentlich verboten sind.

John von Düffel: Meinen Sie speziell die Sexszene?

STANDARD: Auch. Ohne zu viel zu verraten, kulminiert das Buch in der Schilderung eines, sagen wir, ungewöhnlichen Geschlechtsakts. Hatten Sie Bedenken?

Von Düffel: Ja, denn es war meine erste echte Sexszene. In meinem Roman "Ego" ging es zwar nur um Körper und Fitness, aber gerade deshalb war das der unsinnlichste Roman, den ich geschrieben habe. Für mich war die Szene auch von daher eine große Herausforderung, da ich kein Pornograf bin. Es gibt Autoren, die die körperlichen Details genau beschreiben und darin eine große Genialität entwickelt haben. Mir war klar, das kann ich nicht. Der einzige Weg war, in den Kopf des Protagonisten einzusteigen. Was insofern passte, als es sich um einen Geschlechtsakt handelt, der eigentlich eine emotionale Unmöglichkeit darstellt und nur deshalb funktioniert, weil der Protagonist bestimmte Bilder im Kopf abruft.

STANDARD: Wer in Ihrem Roman Sex hat, der möchte ein Kind, doch das klappt auf natürlichem Weg nur selten. Ist künstliche Befruchtung wirklich so ein Riesenthema?

Von Düffel: "Beste Jahre" ist in gewisser Weise der Roman meiner Generation, also von Leuten Anfang 40. Familie wird vielfach nur mehr als Option angesehen. Irgendwann merkt man aber, wenn man Kinder haben will, lässt sich das nicht endlos hinausschieben. In dem Moment, wo man aus dem ewigen Aufschieben ein "Jetzt oder nie" macht, kann es gut sein, dass der Körper nicht mehr mitspielt. Dann kommt die Medizin ins Spiel. Ich kenne tatsächlich viele Leute, bei denen es nur mit künstlicher Befruchtung klappte, und ein paar bittere Schicksale, wo auch das nicht klappte. Im Kern geht es darum, dass die Medizin, die einem die ganze Zeit geholfen hat, Fortpflanzung zu verhindern, einem plötzlich Fortpflanzung ermöglichen soll.

STANDARD: Es gilt als heikel, sich in Literatur so aktueller Fragen anzunehmen. Was kann der Roman da leisten?

Von Düffel: Es bestand bei dem Sujet schon die Gefahr, in Ratgeber-Literatur zu verfallen. Aber ich bin kein Soziologe und bewerte nicht. Die einzige Chance, die man als Autor hat, dem Klischee zu entkommen, ist, die Geschichte so speziell wie möglich zu erzählen. Das ist ja das Wunder der Literatur. Die sagt nicht dadurch vielen Menschen was, weil sie allgemein bleibt, sondern weil sie ganz individuell ist. Die Haltung, aus der heraus ich diese Geschichte erzählen wollte, war eine des Staunens. Der Protagonist staunt darüber, was ihm als werdender Vater widerfährt.

STANDARD: Sie spielen mit der Identität des Helden. Am Beginn ist von ihm als "Er" die Rede, später heißt es "Ich".

Von Düffel: Der Wechsel passiert an einer bestimmten Stelle. Nachdem er wortreich dargelegt hat, wie ruhig sein Leben verläuft, wird er mit etwas konfrontiert, das ihn von seiner epischen Selbstdistanz wieder ins dramatische Ich-Sein zurückführt. Ab da ist es in Ordnung, "Ich" zu sagen, mir ist es sonst beim Schreiben etwas peinlich. Oft fordert es beim Leser die Gegenreaktion heraus, wenn ein Autor allzu penetrant "Ich" sagt.

STANDARD: Sagen Sie nicht, das Buch sei nicht autobiografisch.

Von Düffel: Ich will gar nicht verhehlen, dass ich ähnliche Erfahrungen wie der Protagonist gemacht habe. Ich habe aus persönlichem Interesse begonnen, diesen Roman zu schreiben, denn es gibt zwar unendlich viele Beziehungsklamotten, aber einen richtigen Roman zum Thema späte Familie oder auch soziale Vaterschaft habe ich nicht gefunden. Literatur hat für mich generell mehr mit Finden als mit Erfinden zu tun. Wenn ich selbst etwas mit der Geschichte zu tun habe, wird es gefährlich und dadurch spannend.

STANDARD: "Beste Jahre" steht auf der Longlist um den Deutschen Buchpreis. Überrascht?

Von Düffel: Ja, und es bedeutet mir viel. Zunächst, weil ich im vergangenen Jahr selbst in der Jury war und trotzdem nominiert wurde, was bislang ein unausgesprochenes Ausschlusskriterium war. Und dann, weil ich in dem Roman ja nicht auf reine Kunst gehe, sondern über ein Thema geschrieben habe, was nicht überall goutiert wird. Insofern hat mich die Nominierung überrascht.

STANDARD: Sie arbeiten parallel als Romancier und am Theater. Was wiegt mehr?

Von Düffel: Der Roman ist ganz klar die Königsdisziplin, der Ort der höchsten Ambitionen, des größten Gelingens und Scheiterns. Im Theater rennt man oft mit dem gezückten Schwert gegen Feindbilder an. Das kann tolle Ergebnisse haben, aber die Komplexität der Erfahrung, die ich in "Beste Jahre" beschreibe, lässt sich nur in den Erzählräumen des Romans bewältigen. Ich könnte mir zu dem Thema kein Theaterstück vorstellen.

(Sebastian Fasthuber, DER STANDARD/Printausgabe, 29.08.2007)

John Von Düffel: Beste Jahre. Roman. 20,50 €/246 Seiten. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2007

Zur Person:
John von Düffel, geboren 1966 in Göttingen, zählt zu den umtriebigsten Autoren seiner Generation. Er schreibt Prosa und Theaterstücke und arbeitet auch als Dramaturg am Hamburger Thalia Theater. Von seinen bisherigen Romanen wurde "Vom Wasser" besonders gelobt, "Beste Jahre" ist der fünfte. Von Düffel ist Vater einer kleinen Tochter, die – "obwohl die Hormone schon im Kühlschrank waren" – auf ganz konventionellem Weg entstanden ist.
  • John Von Von Düffel: "Es gibt Autoren, die die körperlichen Details genau beschreiben und darin eine große Genialität entwickelt haben. Mir war klar, das kann ich nicht."
    foto: corn

    John Von Von Düffel: "Es gibt Autoren, die die körperlichen Details genau beschreiben und darin eine große Genialität entwickelt haben. Mir war klar, das kann ich nicht."

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    cover: dumont
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