Freigeld und Normalzins

1. Oktober 2007, 15:30
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Es gibt Ideen, die trotz oder vielleicht wegen ihrer Absurdität immer wieder faszinieren und aufgegriffen werden - Von Gebhard Kirchgässner

Es gibt Ideen, die trotz (oder vielleicht gerade wegen) ihrer Absurdität immer wieder faszinieren und aufgegriffen werden. Dazu gehört offensichtlich auch das "Freigeld" des Silvio Gesell. Dabei ist ein Teil seiner Ideen heute verwirklicht: Die Zentralbanken der westlichen Industriestaaten sind weitgehend unabhängig, und sie verwenden ihre Instrumente, um damit die Geldmenge zu steuern, auch wenn sie dies nicht dadurch tun, dass sie bei Geldknappheit Geld drucken und bei Geldüberfluss solches vernichten. Zudem gibt es mit dem Euro in Europa heute eine übernationale Währung, auch wenn sich dem noch nicht alle Mitgliedsländer angeschlossen haben (und vielleicht auch nie anschließen werden). Problematisch ist freilich u.a., dass Gesell für den Normalzins, d.h. für den realen Marktzins für risikofreie Anlagen, einen Wert von Null verlangt hat. Auf diesen Punkt will ich mich hier konzentrieren.

Zunächst klingt seine Ablehnung eines positiven Normalzinses sehr plausibel: Zins scheint Einkommen ohne reale Gegenleistung zu sein. Deshalb kannte ja auch das Christentum und kennt heute noch der Islam ein Zinsverbot. Die Verfolgung der Juden im Mittelalter hing damit zusammen, dass sie diesem Verbot nicht unterlagen, deshalb als Geldverleiher auftreten und damit gute Geschäfte machen konnten. Konnte ein einflussreicher Schuldner seine Zinsen nicht begleichen, wurde möglicherweise nicht er, sondern der wegen Wucherzinsen angeklagte Jude in den Schuldturm gesteckt, welcher freilich, um dieses Risiko abzusichern, nicht nur einen "normalen Zins" für sein Geld verlangen musste, sondern auch noch eine erhebliche Risikoprämie, was es wiederum erleichterte, ihn als Wucherer zu bezichtigen.

Der Zins lässt sich nicht abschaffen

Die Entwicklung im Mittelalter zeigt zweierlei: 1. Die Tatsache, dass (offiziell) kein Zins verlangt werden durfte, hat nicht zu Wirtschaftswachstum geführt. Vielmehr kannte das Mittelalter trotz verschiedenster kultureller Hochleistungen eher stationäre Gesellschaften. Die Abschaffung des Zinses ist weder eine notwendige, noch eine hinreichende Bedingung für wirtschaftliche Entwicklung. 2. Der Zins lässt sich gar nicht abschaffen. Wenn man dies offiziell versucht, entsteht ein illegaler Markt, auf dem dann freilich (wie im Mittelalter) wegen der zusätzlichen Risikoprämie sehr viel höhere Zinsen zu zahlen sind.

Aber wir müssen gar nicht bis ins Mittelalter zurückblicken, um zu sehen, was eine Abschaffung des Normalzinses bedeuten würde. Schließlich wurde im 20. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten ein entsprechendes Experiment großflächig durchgeführt, indem das Zinsnehmen zwar nicht untersagt, der Maximalzins aber begrenzt war, um eine Ausbeutung der Schuldner zu verhindern. Das Ergebnis war, dass sich ein Schwarzmarkt gebildet hat, der – neben der Alkoholprohibition – die zweite lukrative Einkommensquelle der Mafia war, die ihr die Möglichkeit des Aufbaus einer Parallelgesellschaft bot, welche leider nicht mehr verschwunden ist, nachdem die Zinsen freigegeben und die Prohibition aufgehoben wurden, weil die entsprechenden Unternehmer sich nach anderen Betätigungsfeldern umsahen: Drogenhandel und Prostitution. Auch hier waren die Zinsen wegen der Risikoprämie überhöht, wobei das Risiko für den Verleiher dadurch begrenzt werden konnte, dass illiquide Schuldner notfalls liquidiert wurden, was deren Zahlungsbereitschaft auch unter erschwerten Bedingungen drastisch erhöhte.

Belohnung für Konsum-Aufschub

Hinter dem Normalzins steckt offensichtlich etwas anderes als Geldgier. Menschen sind üblicherweise bereit, eine Prämie dafür zu bezahlen, wenn sie Konsum heute tätigen können, obwohl ihnen die finanziellen Mittel dafür eigentlich nicht zur Verfügung stehen. Umgekehrt erwarten sie für ihre Bereitschaft, Konsum von heute auf morgen zu verschieben, eine Belohnung. Der Zins ist der Preis, welcher den Ausgleich zwischen jenen schafft, die Konsum vorziehen wollen, und jenen, die bereit sind, ihn aufzuschieben. Die hier zugrunde liegende Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse ist nicht ein Resultat der Geldwirtschaft, sondern vermutlich eine ontologische Gegebenheit des Menschen, die man nicht einfach abschaffen kann. Negiert man sie, indem man den Normalzins verbieten will, wird sich ein Schwarzmarkt mit all seinen negativen Begleiterscheinungen bilden.

Dabei ist genau diese Eigenschaft wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung, und sie macht einen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier aus. Dass der Mensch bereit ist, Konsum hinauszuschieben, wenn er dafür später umso mehr konsumieren kann, erlaubt es, "Produktionsumwege" zu gehen, die es ermöglichen, zu einem späteren Zeitpunkt umso mehr zu produzieren. Damit werden Anreize zu technischer Entwicklung gesetzt. Ohne positiven Realzins fehlen solche Anreize. Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass die mittelalterlichen Gesellschaften, die das Zinsverbot kannten, kaum wirtschaftliche Entwicklung aufwiesen. Und das gleiche gilt heute für die islamischen Gesellschaften, die, soweit sie ein Zinsverbot kennen, auch nicht gerade Beispiele florierender wirtschaftlicher Entwicklungen sind, selbst wenn sie über enorme Ressourcen verfügen.

Zur Person
Gebhard Kirchgässner, geb. 1948, promovierte 1976 an der Universität Konstanz, seit 1992 ist er Ordinarius für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie an der Universität St. Gallen sowie Direktor des Schweizerischen Instituts für Aussenwirtschaft und Angewandte Wirtschaftsforschung an der Universität St. Gallen. Seit 2004 ist er Mitglied des Boards of Scholars des Initiative and Referendum Institute (IRI) an der University of Southern California.
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