"Ne Abschlussarbeit zu schreiben ist wie ne Beziehungskiste"

6. September 2007, 12:47
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Im Diplomarbeitsworkshop darf unsere Magisterarbeit einen Brief verfassen - Das Ergebnis: Sie hätte gerne mehr Aufmerksamkeit

Meine Magisterarbeit spricht zu mir. Und sie ist dabei auch noch fordernd, mehr Aufmerksamkeit will sie. Gut, dann haben wir beide ja schon etwas gemeinsam.

Beim zweiten Diplomarbeitsworkshop lässt Schreibtrainerin Irene uns einen Brief aus Sicht unserer Magisterarbeit schreiben. Zehn Minuten haben wir Zeit, damit sich unsere Abschlussarbeit äußern kann, was ihr fehlt und was sie sich sonst noch wünscht. Auf Irenes Frage, "Und was sprechen eure Diplomarbeiten zu euch?", antworten die meisten dasselbe: "Sie will, dass ich mich mehr um sie kümmere." – "Meine ist noch nicht so ganz zufrieden mit ihrem Thema." Meine sagt, wir sind doch eh schon so weit, ich muss mir eben noch etwas Zeit für mich nehmen. Sie wäre mir auch nicht böse, wenn ich die Deadline nicht schaffe.

"Ne wissenschaftliche Abschlussarbeit zu schreiben ist wie ne Beziehungskiste", soll der Schreibtrainer Lutz von Werder einmal gesagt haben. Irenes Anekdote beruhigt mich überhaupt nicht, bezeichne ich mich selbst doch als beziehungsunfähig. Noch dazu bin ich freiheitsliebend, wo diese Beziehungskiste hinführt, kann man sich ja denken.

Selbst meine motivierende Schreibtrainerin macht mich auf die Dringlichkeit meiner Situation aufmerksam. "Du weißt schon, dass du dich damit sehr unter Druck setzt", sagt sie über mein Diplomarbeitstagebuch. Dass sie es vorher noch als "total süß" gelobt hat, höre ich in dem Moment nicht mehr. Denn ich versuche nicht nur sie, sondern auch mich innerlich zu beruhigen: "Den harten Teil habe ich schon hinter mir, jetzt kommt der spannende, das braucht sicher nicht mehr lang..."

Den Klappentext für die publizierte Arbeit haben wir immerhin schon in diesem Workshop verfasst – Eine Übung, die uns klar machen soll, was wir mit der Arbeit aussagen wollen. Diese Schreibübung werde ich wahrscheinlich sogar in die Magisterarbeit einfließen lassen, als Einleitungstext. Mehr habe ich in den letzten Tagen nicht an meiner Beziehung gearbeitet, zumindest nicht direkt. Meine knappe Freizeit habe ich genutzt, um meine Wohnung diplomarbeitsgerecht nach dem Feng Shui einzurichten. Außerdem besuche ich in heute ein Seminar für Konfliktmanagement auf der ditact_summer school. Und Konflikte in Beziehungen stehen da gottseidank auch auf dem Programm. (Elisabeth Oberndorfer/derStandard.at, 28. August 2007)

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    "Ne wissenschaftliche Abschlussarbeit zu schreiben ist wie ne Beziehungskiste", soll der Schreibtrainer Lutz von Werder einmal gesagt haben.

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