Harte Schule für Praktikanten

3. März 2008, 15:10
posten

Im Ferialjob werden junge Arbeitnehmer nicht selten aus Unwissen übervorteilt

Wien – Seine Sommerferien hat Alex gut genützt. Im Juli hat der 16-jährige HTL-Schüler eine Stelle bei einer Elektroinstallationsfirma in Wien ergattert und konnte dort das im Lehrplan vorgeschriebene Pflichtpraktikum absolvieren. Einen Monat lang hat Alex 38,5 Stunden in der Woche geholfen, Wohnungen zu renovieren, Steckdosen montiert und gemacht, "was eben so angefallen ist". Solche Hilfsarbeiten sind zwar nicht ganz im Sinne eines Praktikums, aber ihm wäre es in erster Linie ohnehin um die formale Bestätigung gegangen, sagt er.

"Ungefähr 1000 Euro" Entlohnung seien zwischen dem Schüler und dem Arbeitgeber vor Arbeitsantritt als Lohn mündlich vereinbart worden. Umso größer der Ärger, als zwei Wochen nach Ende des Dienstverhältnisses Anmeldung und der Lohnzettel in den Briefkasten flatterten. "Da haben wir erst entdeckt, dass er nur geringfügig angestellt war – ohne Kranken- oder Pensionsversicherung", erzählt der Vater von Alex. Aus versprochenen 1000 Euro wurden 336,15 Euro. Auf die Nachfrage beim Arbeitgeber, wo denn der Rest geblieben sei, hätte dieser gesagt: "Das passt schon so." Alex’ Vater marschierte zur Arbeiterkammer. Dort hieß es, dass Alex noch Glück gehabt hätte. Denn im Gegensatz zu anderen Branchen ist die Bezahlung im „Eisen und Metall verarbeitenden Gewerbe“ auch für Pflichtpraktikanten kollektivvertraglich geregelt. Der Schüler hat demnach ein Anrecht auf 861,70 Euro. Seine Chancen, das Geld auf dem Rechtsweg zu erstreiten, stehen nicht schlecht.

Mit dem Problem, beim Sommerjob übervorteilt zu werden, ist Alex kein Einzelfall. Laut einer AK-Umfrage arbeiten etwa 130.000 Oberstufenschüler in Österreich während der Ferien. Das "Ausnützungspotenzial" sei dabei hoch, sagt Susanne Schöberl, stellvertretende Leiterin der bildungspolitischen Abteilung. Die Schüler würden oft unter Kollektivertragsniveau bezahlt. Ein Fünftel der Sommerjobber kommt in der Stunde auf weniger als fünf Euro. Vor allem Pflichtpraktikanten seien häufig in dieser unteren Verdienstgruppe.

"Ein großes Problem ist, dass viele ihre Beschäftigungsform gar nicht kennen und nicht über ihre Rechte informiert sind", sagt Schöberl. Es geben nur 54 Prozent von ihnen an, ordnungsgemäß gemeldet zu sein. "Am Ende der Ferien, wenn die Praktika auslaufen, merken dann immer mehr: Hoppla, da hat was nicht gestimmt."

Angina – und weg

Manchmal wird den Jugendlichen auch nach ein paar Tagen gesagt, dass ihre Arbeit nicht mehr gebraucht wird. Eine Situation, mit der auch Elena konfrontiert war. Die 17-Jährige jobbte im Büro einer Reinigungsfirma, um in den Sommerferien etwas dazu zu verdienen.

Eigentlich sei alles reibungslos verlaufen, erzählt sie. So lange, bis sie nach zwei Wochen krank wurde und mit eitriger Angina und vierzig Grad Fieber im Bett lag. Als sie daraufhin bei ihrem Arbeitgeber anrief und eine ärztliche Bestätigung faxen wollte, wird sie kurzerhand gekündigt. "Ich habe dann angeboten, die versäumte Zeit im August nachzuarbeiten, aber das wollten sie nicht." Nach Auskunft der AK eine legale Praxis, da auch für Ferialarbeiter, die meist nicht länger als einen Monat bleiben, Probezeiten von mehreren Wochen gelten, in denen sie täglich gekündigt werden können.

Das entgangene Geld muss Elena während des Schuljahres am Samstag dazuverdienen. Dabei ist sie in guter Gesellschaft. Rund 50.000 Schüler arbeiten auch während des Jahres neben nach dem Unterricht oder am Wochenende.

Großes Potenzial

Schöberl sagt dazu: Einerseits brauche es schärfere Kontrollen und eine stärkere "Sensibilisierung bei den Unternehmern". Dort denke man oft, Schüler "sollen froh sein, wenn sie Erfahrung sammeln können", und betrachte die Jugendlichen nicht als Arbeitnehmer – für die dieselben, wenn nicht sogar strengere arbeitsrechtliche Schutzbestimmungen gelten wie für alle anderen.

"Wenn 130.000 Schüler im Sommer arbeiten, handelt es sich schließlich um ein großes Potenzial an Arbeit, das geleistet wird, und nicht um ein paar Jugendliche, die ein bisschen über die Schulter schauen", meint sie. Auf der anderen Seite sei auch die Schule gefragt, eine bessere Vor- und Nachbearbeitung zu gewährleisten. Alex und sein Vater wollen nicht nachgeben, und "wenn es nicht anders geht" rechtliche Schritte einleiten. Dabei geht es den beiden weniger ums Geld als vielmehr ums Prinzip. "Mir ist das Geld egal. Aber ich finde, dass das, was abgemacht wurde, auch bezahlt werden muss", sagt Alex zum STANDARD. (Sylvia Kuba, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.08.2007)

Share if you care.