Spritzenkur mit beschränkter Haftung

17. März 2008, 13:14
posten

Unklare Risiken: Viele Veranstalter scheuen davor zurück, Urlaube unter dem Messer anzubieten

Mindestens 2, 5 Millionen Menschen suchen laut der Onlineplattform Reva Health Network in diesem Jahr im Internet nach passenden Zahnbehandlungen weltweit. Auch das Geschäft mit Schönheitsoperationen im Ausland boomt: Das Modell, einen chirurgischen Eingriff mit einem Urlaub zu verbringen, wird immer beliebter.

Erkanntes Potenzial

Die "Tourism Authority of Thailand" beispielsweise hat das riesige Tourismuspotenzial bereits erkannt und stellte bei der Tourismusbörse ITB in Berlin die Angebote der Private Hospital Association of Thailand (PHA) vor. Bereits 2004 haben mehr als eine Million der insgesamt zwölf Millionen Urlauber die Angebote der thailändischen Kliniken genutzt, bis 2010 soll sich diese Zahl verdoppeln.

Verlockung

Meist ist es der Preis, der die Patienten ins billigere Ausland treibt. So ist eine Brustvergrößerung in Bangkok etwa schon um umgerechnet 1700 Euro zu haben, ein Eingriff, der in Österreich in der Regel ein Vielfaches kostet. Aber nicht nur Privatpatienten treiben Kostenüberlegungen und lange Wartezeiten in ausländische Spitäler. Thailändische Spitäler wie das "Bangkok Hospital" haben längst Verträge mit britischen und niederländischen Krankenkassen geschlossen, und auch schwedische Patienten kommen in den Komfort eines Urlaubs unterm Messer. Nicht zuletzt die Krankenkassen sparen sich so eine Menge Geld. Das ist in Österreich noch Zukunftsmusik.

Gewiss, die Zahnbehandlung im Nachbarland Ungarn hat Tradition, aber zahlen muss man schon selbst. Auffallend ist auch die große Zurückhaltung, mit der große Reiseveranstalter sich diesem Thema nähern. Sucht man bei den traditionellen Anbietern nach derartigen Angeboten, bleibt man erfolglos.

Boomendes Geschäft

Über Wellnessbehandlungen und Ayurveda gehen die Angebote in der Regel nicht hinaus. Seitens des österreichischen Fernreisespezialisten Jumbo Touristik heißt es auf Anfrage: "Schönheitsoperationen bieten wir nicht an, da es noch keine klaren Richtlinien im Hinblick auf die Haftung und mögliche Nachbehandlungen gibt. Schönheitstourismus in Richtung Asien wird sicherlich in den nächsten Jahren ein wichtiger Tourismuszweig werden", räumt Gerald Stainoch, Marketingmann bei Jumbo ein. "Die Ärzte und Spitäler sind bereits jetzt top ausgestattet. Eine Schönheitsoperation oder Spritzenkuren mit Urlaub zu kombinieren könnte daher für Nischenveranstalter interessant werden."

Das sehen auch die Mitbewerber so – halten sich selbst aber in puncto Schönheits- oder Zahnbehandlungspackage noch bedeckt. Die TUI hat derzeit keine Angebote im Programm, die Marken ITS Billa Reisen und Jahn Reisen "sehen ihre Kernkompetenz in der klassischen Pauschalreise". Der medizinische Wellness-Tourismus liege "außerhalb dieses Segments und wird daher von keiner der beiden Marken angeboten". Es scheint das unklare Haftungsrisiko zu sein, dass die klassischen Reiseveranstalter dazu bringt, die Finger von dem verlockend großen Markt der reisewilligen Patienten zu lassen. Was passiert, wenn die OP schiefgeht und teure Nachbehandlungen im Inland nach sich zieht?

Versicherungsfrage

Dieses Risiko durch eine Reiseversicherung abzudecken, ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Martin Sturzlbaum, Chef der Europäischen Reiseversicherung: "Wenn eine Reise ins Ausland ausschließlich oder teilweise mit dem Ziel ärztlicher oder kosmetischer Behandlungen angetreten wird, besteht kein Versicherungsschutz durch die Reisekrankenversicherung. Kosmetische Behandlungen stellen im Rahmen einer Reiseversicherung keinen abbildbaren Versicherungsgegenstand dar, weil dieser nicht objektiv überprüfbar ist, sondern subjektiver Wahrnehmung unterliegt. Daher sind individuelle kosmetische Behandlungen für eine Reisekrankenversicherung tariflich nicht kalkulierbar."

So bleibt dem reisefreudigen Patienten nur der Rat, bei den unzähligen Angeboten diverser Anbieter im Netz das Kleingedruckte zu lesen. Über mögliche erwünschte und unerwünschte Nebenwirkungen informiert etwa die unabhängige, EU-weit tätige und kostenlose Verbraucherberatung 'Euro-Info-Verbraucher e.V.'. (Tanja Paar/Album/Printausgabe, 25./26. August 2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.