Wie in einer "Wagenburg im Wilden Westen"

3. September 2007, 09:21
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Britische Armee in Basra offenbar "überfordert" – Ruf nach Abzug wird lauter - Innerschiitische Fehden dominieren den Südirak

Pünktlich zur Rückkehr aus dem Urlaub muss sich Premierminister Gordon Brown wieder mit der unerfreulichsten Erbschaft seines Vorgängers Tony Blair befassen: der Anwesenheit britischer Truppen im Südirak. Es sei Zeit zum "vollständigen Abzug", hat Menzies Campbell dem Premierminister geschrieben und um rasche Antwort gebeten. Den Vorsitzenden der oppositionellen Liberaldemokraten, die den Irakkrieg von Anfang an ablehnten, wird der Regierungschef mit einer herablassenden Antwort abspeisen können. Aber viele Anzeichen deuten darauf hin, dass Campbells Meinung von vielen hohen Militärs geteilt wird.

Bereits im vergangenen Herbst warnte Armeechef Richard Dannatt vor einer „Überforderung“ der im Ausland kämpfenden Truppen. Inzwischen fordern immer mehr Generäle hinter vorgehaltener Hand den Abzug aus dem Irak; nur dann könne sich die Armee auf den Kampf gegen die Taliban in der südafghanischen Provinz Helmand konzentrieren und ihn auch gewinnen.

Schiitische Fraktionen im Kampf

„Die Kommandeure vor Ort haben den Eindruck, sie hätten alles getan, was möglich ist“, analysiert Oberst Christopher Langton vom renommierten Institut für Strategiestudien (IISS). „In Basra gibt es einen Kampf zwischen verschiedenen schiitischen Fraktionen, in den sich die britische Armee nicht einmischen mag.“ Einer der einflussreichsten Schiiten-Führer, der militante Kleriker Muktada al-Sadr, streut per Zeitungsinterview Salz in die Wunden. „Die Briten haben aufgegeben und müssen den Irak bald verlassen“, sagte der Chef der Mahdi-Armee dem Independent. Ähnlich sehen dies amerikanische Experten wie Kenneth Pollack vom Washingtoner Brookings-Institut, der die Situation der verbliebenen britischen Truppen in Basra mit einer Wagenburg im Wilden Westen vergleicht. Die Präsenz der Briten im Südirak sei bedeutungslos: „Basra ist außer Kontrolle.“

Waren zu Jahresbeginn noch 7100 Briten im Irak stationiert, sind es derzeit noch 5500, 500 in Basra selbst, der Rest rund um den stark befestigten Flughafen der südirakischen Metropole. Besonders die Garnison in der Innenstadt steht täglich unter schwerem Artillerie-Beschuss. Seit Jahresbeginn kamen im Irak 41 Männer und Frauen in britischer Uniform ums Leben; im ganzen Vorjahr waren es 29.

Die Nachrichten aus Afghanistan sind nur unwesentlich besser. Dort liefern sich britische Einheiten täglich schwere Gefechte mit den Taliban. Für viele kampferprobte Soldaten würde der Rückzug aus dem Irak nur eine kurze Ruhepause vor dem nächsten Einsatz in Afghanistan bedeuten. Dort soll nach Angaben der konservativen Opposition beinahe die Hälfte der in vorderster Front kämpfenden Soldaten Verwundungen davongetragen haben: eine Behauptung, die jedoch Verteidigungs-Staatssekretär Bob Ainsworth in der BBC wütend dementierte. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 21.8.2007)

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    Schiitische Milizen gegeneinander, schiitische Milizen gegen die Briten: Das Bild stammt aus dem Zentrum der südirakischen Stadt Basra, die US-Experten als „außer Kontrolle geraten“ bezeichnen.

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