Serie von Auftragsmorden setzt sich fort

30. Oktober 2007, 14:22
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Die EU mahnt bisher umsonst den Kampf gegen die organisierte Kriminalität ein, erst jüngst wurde der Ehemann der Sportministerin angeschossen

Wanjo Tanow hat es gereicht. Der Chef des bulgarischen Polizeiamtes zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität trat jüngst aus Protest gegen die Protektion von Korruption und Schattenwirtschaft durch Politiker zurück. Innenminister Rumen Petkow nahm den Rücktritt an, wies die Vorwürfe jedoch zurück. In den vergangenen Wochen sorgten Auftragsmorde wieder für Schlagzeilen in Sofia. Am 11. Juli wurde der 48-jährige Unternehmer und Vorsitzende der Arbeitgeberorganisation Vuzrazhdane (Wiedergeburt), Manol Welew, vor seinem Büro in der bulgarischen Hauptstadt am helllichten Tage durch einen Kopfschuss schwer verletzt und liegt seitdem im Koma. Der Täter konnte entkommen. Ministerpräsident Sergej Stanischew bezeichnete den Vorfall als „dreisten Anschlag der organisierten Kriminalität“.

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Das Attentat ist aus mehreren Gründen brisant. Es zeigt einerseits, dass die Probleme mit der organisierten Kriminalität auch nach dem EU-Beitritt Bulgariens an der Tagesordnung sind. Zum anderen handelt es sich bei Welew um den Chef einer bedeutenden Arbeitgeberorganisation. Und er ist der Ehemann der Vorsitzenden der Staatlichen Agentur für Jugend und Sport, also des Sportministeriums.

In den letzten Monaten wurden drei weitere Auftragsmorde verübt – erschossen wurden der Bürgermeister der Stadt Elin Pelin, Janko Jankov, der Vorsitzende des Stadtrates von Nessebar, Dimitar Jankov, sowie der Besitzer und Präsident des Fußballklubs Lokomotive Plovdiv, Alexander Tassew. Insgesamt hat es seit 1993 in Bulgarien 200 Auftragsmorde gegeben, von denen die meisten nie aufgeklärt wurden. Zwei Mitglieder des besagten Arbeitgeberklubs Vuzrazhdane – die Großunternehmer Ilia Pawlow und Emil Kjulew – wurden 2003 und 2005 ebenfalls Opfer von Auftragskillern.

Stanischew sagte, dass die Statistik trotz dieser Vorfälle einen Rückgang der organisierten Kriminalität ausweise, und kündigte die Bildung einer neuen Nationalen Agentur für Sicherheit an. Die Geheimdienste, vor allem der Verfassungsschutz, sollen aus dem Innenministerium ausgegliedert und in dieser neuen Struktur zusammengefasst werden. Das soll die Effizienz der Verbrechensbekämpfung verbessern. Die bürgerliche Opposition sprach von einem Fiasko der Regierungspolitik bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität.

Experten halten es für fraglich, ob es gelingen wird, die Hintermänner des Attentats auf Welew und den Schützen zu finden. Für solche Anschläge seien breite, spezialisierte Untergrundorganisationen zuständig. Vorbereitung und Ausführung erfolgten professionell, Spuren würden sofort verwischt. Insofern sei es wahrscheinlich, dass auch dieser Fall in die Liste der ungeklärten Morde und Mordanschläge aufgenommen wird. (Borislaw Wankow aus Sofia, DER STANDARD, Print, 9.8.2007)

  • Mordopfer Alexander Tassew: Er war bereits der dritte Präsident des Fußballvereins Lokomotive Plovdiv, der ermordet wurde.
    foto: standard

    Mordopfer Alexander Tassew: Er war bereits der dritte Präsident des Fußballvereins Lokomotive Plovdiv, der ermordet wurde.

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