Im Basislager der Subversion

3. August 2007, 17:50
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Auch schon fast Tradition: Christoph Schlingensief inszeniert "Parsifal" in Bayreuth - Mit einer entrümpelten, verschlankten und auch konzentrierten Aufführung ...

Als heuer die letzte Wiederaufnahme des ästhetisch nicht nur für Bayreuth grenzgängerischen Parsifal den ersten Festspielzyklus des laufenden Jahrgangs abschloss, gab es immer noch ein deutliches Pro und Kontra, als der strubbelige Weltenkunstbummler vor den Vorhang trat und entspannt den sich durchsetzenden Bravo- und den gegenhaltenden Buhrufern zuwinkte.

Doch selbst dem Kontra fehlte inzwischen die Penetranz, die man der Gemeinde gerne nachsagt. Man hat sich nicht nur aneinander gewöhnt – in Wahrheit war Schlingensief ein Glücksfall für Bayreuth. Ästhetisch hat er nach lange zurückliegenden, exemplarischen Öffnungen längst wieder verschlossene Türen aufgestoßen.

Kann ja sein, dass die Entscheidung Wolfgang (und Katharina) Wagners, ausgerechnet Christoph Schlingensief für des Ahnherrn privatreligiös ambitioniertes Bühnenweihespiel anzuheuern, nachdem Martin Kušej geschmissen hatte, auch ein PR-Schuss vor den Bug der Agonie-Diagnostiker und der Rufer nach dem Führungs- und Konzeptwechsel sein sollte. Vor vier Jahren schlug Schlingensief dann tatsächlich seine Zelte am Grünen Hügel auf. Im Gepäck seine spezielle Art von cineastisch grundierter Gesamtkunstwerkelei samt einer mentalen und theatralischen Wagner-Vorbereitung in Namibia und am Wiener Burgtheater.

Damals war das Fremdeln spürbar und der dauernde kleine und der gelegentliche große Knatsch nicht unter der Decke zu halten. Mit dem ersten Parsifal, Katharinas Freund Wottrich, kam es gar zum Eklat. Ein rhetorischer Negerkuss mit Showqualitäten und einem bleibenden Schaden für den Tenor.

Frontalangriff

Auch waren die Logik und der Rhythmus des Opernräderwerks und die Schlingensief-Methode nicht a priori kompatibel. Aber eben doch näher beieinander als befürchtet. Schlingensiefs Frontalangriff auf die Rezeptionsgeschichte, die sich vom historisch angehauchten Weihespiel zur Gesellschaftsdiagnose des entwickelten Regietheaters vorgearbeitet hat, erfolgte auch – ganz Wagner gemäß – mit den Mitteln eines Gesamtkunstwerkes: aus Musik und Aktion, aus Film mit frei schwingender Assoziation und einem selbstreferentiellen Kunstdiskurs. Zumindest aus dem Kraftfeld von Wagners fragendem Kreisen um Erlösung, Todessehnsucht oder Verunsicherung durch die Sexualität löst sich Schlingensief dabei nicht.

Auch wenn sich der schwarze, fast nackte Klingsor am Ende seines Mittelaktes mit einem der raren, offen witzigen Bühneneffekte via Raketenstart verdrückt. Weit kann er nicht gekommen sein, denn im dritten Aufzug taucht er wieder auf. Überhaupt ist bei Schlingensief die Bühnenpräsenz der handelnden Personen nicht nur von den Vorschriften des Librettos oder den Notwendigkeiten des Gesanges diktiert, sondern mehr von obsessiven Bezügen. Das geht so weit, dass Kundry zunächst Klingsor und nicht dem zurückkehrenden Parsifal wie einem gefallenen Engel die Füße wäscht.

Schlingensiefs Bühnenlandschaft ist ein Basislager für eine subversive Versuchung der Assoziationslust der Zuschauer. Mit ihren projizierten Überlagerungen der Hütten, Türme, Zäune und Geländer durch die Zeichen, Rituale und Sequenzen des Lebens schlechthin. Wer sich darauf einlässt, kann im pulsierenden, emotionalen Malstrom der Bilder erkennend sehen, nachdenkend ahnen oder auch autonome Chiffren hinnehmen. Eine offene Form, an der sich zudem die Werkstatt Bayreuth beispielhaft bewährt hat. Er habe hier, sagt Schlingensief in der Pause, unter luxuriösen Bedingungen viel gelernt und jedes Mal ausgesprochenes Glück gehabt, wenn der Dirigent oder einzelne Darsteller wechselten.

Allerdings hat er sich selbst ernsthaft auf die jährliche Rückkehr nach Bayreuth eingelassen und nachgearbeitet. Diesmal hat er weiter entrümpelt, verschlankt, konzentriert. Freilich auch die letztjährige Zuspitzung auf den Islam, bei den Wandlungen Kundrys und ihres Umfelds, teilweise wieder zurückgenommen und wieder die Vielfalt der Religionsstruktur quer durch Raum und Zeit betont.

Der Filmmann Schlingensief hat mit Gewinn für Klarheit und partielle Durchblicke die Beleuchtung nachjustiert und die Videos abgedunkelt. Es sei überhaupt jene Ausweitung der Dunkelphase zwischen den Bildern, die er vom Film her kenne und die ihn an Wagners Musik fasziniere, sagt der Regisseur.

Lodernde Kundry

Bei Parsifal kommt heuer eine musikalische Überzeugungskraft im Graben und auf der Bühne hinzu. Sowohl der markant Jukka Rasilainen als Amfortas als auch Alfons Eberz als strahlkräftiger Parsifal profilieren stärker das Leiden. Ebenso überzeugen Evelyn Herlitzius als lodernde Kundry und der neue Klingsor Karsten Mewes mit stimmlichem Gestaltungswillen und ihrem spielerischen Einlassen auf Schlingensiefs Bühnenaktionen.

Der vierte und letzte Jahrgang dieses Parsifal ist tatsächlich sein bester. Was natürlich auch an Adam Fischer liegt, für den der verdeckte Graben kein Problem ist und der sich als souveräner Erbe der Einstudierung von Pierre Boulez erweist. Das Festspielorchester ist nach der Meistersinger-Tannhäuser-Ring-Vorbereitung ganz bei sich und seinem Anspruch des Besonderen an diesem besonderen Ort. (Joachim Lange, DER STANDARD/Printausgabe, 04/05.08.2007)

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    Die Ausweitung der Dunkelphase zwischen den Bildern, die er vom Film her kennt, versucht Christoph Schlingensief in seinem "Parsifal" 2007 in Bayreuth umzusetzen.

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