Verlorene Göttersaga: Zweite Hälfte des "Ring des Nibelungen"

2. August 2007, 18:57
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Auch die abschließenden Teile überzeugten in der Regie Tankred Dorsts heuer wie letztes Jahr szenisch kaum

Bayreuth – Wenn kurz vor Beginn der Bayreuther Aufführungen ein Großteil des Publikums im Festspielhaus stehend verharrt, ist dies weniger ein Resultat der durchaus vorhandenen Ehrfurcht vor dem Genius Loci. Es hat den eher pragmatischen Grund ausgesprochen enger Stuhlreihen.

Beispiellos ist in Bayreuth auch die Beschaffenheit der Sitze, auf denen hart und lange zu verharren ist, sodass hingebungsvolles Lauschen nicht aus bequemem Zurücklehnen, sondern aus einer inneren Haltung erwachsen muss. Das ist deshalb keine Nebensächlichkeit, weil sie zum einen das Erleben ganz entscheidend prägt und zum anderen etwas von der Wagner'schen Ideologie zum Ausdruck bringt: Spartanisch sei das Leben, hehr die Kunst. Dafür kann man sich zwischen den Akten in den einstündigen Pausen ausgiebig rund um jene Stätte ergehen, an der sich viele schon lange vor den meist um 16 Uhr beginnenden Vorstellungen einfinden.

Bekommt man schon durch Wagners ausgedehnte Musikdramen an sich ein verändertes Verhältnis zur Zeit, so erst recht durch einen Bayreuther Ring, der einschließlich spielfreier Tage eine knappe Woche in Anspruch nimmt. Die Bilanz der aus dem vergangenen Jahr stammenden und nun überarbeiteten Inszenierung von Tankred Dorst nimmt sich allerdings bescheiden aus: Der Dramatiker erzählt mit immensem Aufwand (Bühnenbild: Frank Philipp Schlößmann) so einigermaßen das Stück, aber nichts über das Stück und schon gar nichts, was über das Werk hinausginge, und verdoppelt in schematischen Bildern, was die Musik ohnehin gerade malt.

Da vieles schlicht handwerklich missglückt wirkt, lässt sich gar nicht entscheiden, ob die Idee der gleichzeitigen Präsenz von Parallelwelten aller Zeiten tragfähiger umgesetzt werden hätte können. Besonders die hinzugefügten Gestalten aus der Jetzt-zeit, die sich zwischen den Göttern und Helden tummeln, agieren oft unbeholfen, peinlich und nichtssagend, und auch die anderen Darsteller scheinen allein und allzu oft buchstäblich stehen gelassen.

Da stand sie nun und sang, die Brünnhilde (Linda Watson), die anhaltend die Schmerzgrenze hin zum Schrillen überschritt, mit ausufernder Dramatik und großzügiger Intonation, während einige Passagen als intensiver Ausdruck zu packen vermochten. Daneben wirkte Siegfried (Stephen Gould) wie eine Mischung aus Riesenbaby und drolligem Bär, stimmliche und darstellerische Differenzierung fehlten weit gehend. Gestisch schwerfällig, mit recht schön klingender Mittellage, verströmte er sonst eher Brutalität und komplettierte ein martialisches Paar, dem man die Weltherrschaft nicht allzu gerne anvertrauen würde.

Sportliche Leistung

Natürlich handelt es sich dabei um so gewaltige Partien, dass man einer halbwegs anständigen Bewältigung bereits aus sportlichen Gründen Respekt zollen muss; allerdings kann man dann zuweilen mehr über die Physiognomie der Singstimmen als über die Figuren erfahren. Ganz anders zeigte Hans-Peter König als Hagen, was Gesangskultur bedeuten kann. Bereits als prächtiger Fafner hervorgetreten, bewies er, wie sich Verstellung und Falschheit auch im Ton vermitteln lassen, und war damit noch markanter als der Wanderer von Albert Dohmen, der immerhin über bewundernswerte Strahlkraft verfügte. Bestach Edith Haller auch als Gutrune mit ihrem blühend-leuchtenden Sopran, so war Ralf Lukas als Gunther ebenso verlässlich wie der wortdeutliche und mit Mut zum Unschönen ausgestattete Gerhard Siegel als Mime oder Mihoko Fujimura als Erda und Waltraute.

Auch auf Christian Thielemann ist Verlass: Gediegen und gedrechselt, brachte er das glänzende Orchester zur Geltung, mitreißend und manchmal an der Kitschgrenze, doch immerhin mit sicherem Instinkt und hoher Qualität: Mit Transparenz und übersteigerter Anspannung sorgte er so für manchen dichten Höhepunkt, und während die Szene versagte, schloss sich zuletzt der Spannungsbogen musikalisch perfekt. (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.8.2007)

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    Die Welt, ein bunter Spielball für graue Männer – wie der "Ring": Gerhard Siegel als Mime in "Siegfried" in der wenig inspirierten Regie Tankred Dorsts in Bayreuth.

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