Das lange Warten auf die Lärmkarte

18. Februar 2008, 19:32
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Wie viele Österreicher in zu lauter Umgebung wohnen, weiß man ab September - dann gibt es die ersten von der EU vorgeschriebenen Karten

Dank EU wird es erstmals eine einheitliche Lärmkarte für Österreich geben. Die soll fertig sein - ob man in einer geräuschverseuchten Umgebung lebt, kann man aber erst ab September überprüfen, berichtet Michael Möseneder

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Die Wand sperrt den Lärm der Autobahn zumindest ein bisschen ein. Ob trotzdem zu viele Dezibel die Ohren schmerzen lassen, wird erst ab September öffentlich. Foto: Regine Hendrich Lärm nervt. Vor allem der, den man nicht selbst produziert. Waren vor 50 Jahren das Hämmern der Fabriken und das Dröhnen der Motoren noch Zeichen von Fortschritt, sind die Geräusche von Mensch und Maschine mittlerweile potenzielle Krankmacher. 29,1 Prozent der Österreicher haben bei der jüngsten Erhebung der Statistik Austria angegeben, sich zumindest geringfügig durch Lärm gestört zu fühlen.

Umgebungslärmkarten

Wie viele Menschen aber tatsächlich in zu lauter Umgebung wohnen, weiß man in Österreich so genau noch nicht - die ersten der von der EU vorgeschriebenen "strategischen Umgebungslärmkarten" werden erst Ende September öffentlich zugänglich sein.

Am 31. Mai 2007 mussten diese Karten, in denen Dezibelzahlen je nach Verursachergruppe (Straßen-, Schienen-, Flug-, und Industrielärm) und Zahl der betroffenen Menschen zu finden sind, fertig sein. Was in Wien auch geschehen ist, wie Werner Talasch von der für Umwelt zuständigen Wiener Magistratsabteilung 22 bestätigt.

Aktionspläne gegen den Lärm

Ob man als Bürger diese hoch interessanten Karten auch sehen könnte? Leider nein, dafür sei zunächst das Umweltministerium zuständig. Denn, wie Talasch korrekt anmerkt: Wann die Karten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssen, steht im Gesetz nicht exakt festgeschrieben. "Eigentlich müssen sie erst gemeinsam mit den Aktionsplänen gegen den Lärm herausgegeben werden", meint der Rathausbeamte. Und für diese Pläne hat die Politik noch Zeit bis Ende Mai 2008.

Adressabfragen

Im Umweltressort bestätigt man den Septembertermin, eine Fristversäumnis sei der nicht. Man benötige Zeit, um die Präsentation der Daten unter www.umgebungslaerm.at beziehungsweise www.laerminfo.at fertigzustellen, wird erklärt. Dafür sei dann für den Großraum Wien und Wohngebiete entlang der am stärksten befahrenen 2453 Straßenkilometer und 604 Kilometer Schienenstränge auch eine Onlineadressabfrage möglich. Und in die Karten könne man bis zum Maßstab 1:5000 hineinzoomen.

Dezibel-Werte nur berechnet

Nur: Die Lärmprobleme an sich werden durch die Pläne noch nicht gelöst. Für Unmut bei Betroffenen wird auch sorgen, dass die Dezibel-Werte nur berechnet, aber nicht direkt gemessen werden. Die Berechnung (dabei wird vereinfacht gesagt betrachtet, wie viele Autos die Straße passieren und wie viel genormten Lärm diese statistisch machen) gehe zwar immer vom höchsten Wert aus und bei Wohnblöcken von der "lautesten" Fassade. Da die Schallbelastung aber für eine Höhe von vier Metern errechnet wird, kann durch das einzelne Fenster dennoch deutlich mehr Lärm in die eigene Wohnung hereinkommen.

Keine Maximalbelastung

Das zweite Problem: es werden nur Durchschnittswerte verwendet, die Maximalbelastung findet sich auf den Karten nicht wieder. Was es noch schwieriger macht, die eigene Situation in validen Zahlen wiederzufinden.

Frust durch Fluglärm

Denn die durchschnittlichen Dezibel sagen nicht allzu viel über den verursachten Frust aus. Während sich von Fluglärm mit 60 Dezibel (das entspricht ungefähr der Lautstärke eines Gesprächs) fast 40 Prozent der Bevölkerung belästigt fühlen, muss die Eisenbahn schon mehr als doppelt so laut sein, um diesen breiten Unmut hervor zu rufen. Was übrigens nicht bedeutet, dass der Zug mit 120 Dezibel durch die Landschaft donnern darf - für den Menschen hören sich zehn Dezibel zusätzlich ungefähr doppelt so laut an.

Dauerschallbelastung in Wohngebieten

Diese 70 Dezibel wären auf Dauer jedenfalls zu laut. Zumindest aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation. Die empfiehlt als Dauerschallbelastung in Wohngebieten im Sinne des präventiven Gesundheitsschutz nämlich 55 Dezibel. Was in Österreich praktisch nur für den Fluglärm in der Nacht gilt.

Düsen die Jets tagsüber mit weniger als 65 Dezibel Durchschnitt über die Häuser, braucht in Österreich noch kein "Aktionsplan" zur Lärmsanierung erstellt werden. Im EU-Vergleich liegt Österreich mit den Dezibel-Durchschnittswerten 60/70/65 (für Straße/Schiene/Luft) ziemlich im Mittelfeld: Nur in Finnland lebt man mit den Schwellenwerten 58/63/55 deutlich ruhiger als hier zu Lande. (Michael Möseneder/DER STANDARD Printausgabe 2.8.2007)

  • Die Wand sperrt den Lärm der Autobahn zumindest ein bisschen ein. Ob trotzdem zu viele Dezibel die Ohren schmerzen lassen, wird erst ab September öffentlich
    foto: standard/ regine hendrich

    Die Wand sperrt den Lärm der Autobahn zumindest ein bisschen ein. Ob trotzdem zu viele Dezibel die Ohren schmerzen lassen, wird erst ab September öffentlich

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    Lärmschutzmaßnahmen in Österreich

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