Zukunft des Körpers jenseits einer Diktatur von Klempnern

31. Juli 2007, 18:50
posten

Die Umgebung für Chris Harings "Posing Project B" ist verführerisch: Zwischen Kulisse und Kunst, eine subversive Modeausstellung und ein ironischer Blick auf den "Look"

Wer zur Mode geht, muss die Pose nicht lange suchen. Ein Highlight in dem Gemeinschaftsprojekt [cross+depot] von ImPulsTanz und dem Theater an der Wien im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste (einst bekannt als Semperdepot) ist die jüngste Arbeit des österreichischen Choreografen Chris Haring, Posing Project B - The Art of Seduction.

In diesem im Tanzfestival der Biennale di Venezia mit dem Goldenen Löwen ausgezeicheten Stück gelingt es Haring abermals, die Sciencefiction zu einer klempnerfreien Zone zu erklären. Während die gängigen Zukunftvisionen gespickt sind von Gen-, Nano- und Prothesentechnik, verhandelt der Künstler den Körper als kulturtechnisches Konstrukt. Das war auch schon in der Vorgängerproduktion, Posing Project A - The Art of Wow, deutlich zu lesen und dort Konsequenz einer langjährigen Untersuchung Harings und seiner Arbeitsgruppe liquid loft über den futuristischen Körper als Antipoden etwa zu Stelarcs Prothesenpathos und William Gibsons Cyberpunk-Visionen.

Wenn also, wie die Jury in Venedig bemerkte, das Posing Project einen Ausblick auf die Zukunft des zeitgenössischen Tanzes gibt, dann tut es das vor allem im Hinblick darauf, wie die multiindustrielle Verwertung des Körpers mit den Instrumenten der künstlerischen Live-Aktion (op)positioniert werden kann. Aus der Analyse der Pose und des "Wow!"-Effekts in der Spektakularisierung des Körpers folgt konsequent dessen Neupositionierung auch im Kunstkontext. Dort fallen seine ästhetischen Verwertungen als theatraler Lautsprecher, als visuelle Oberfläche oder bewegungsesoterischer L'art-pour-l'art-Fetisch - nicht erst mit Haring, aber in dessen Diskursen umso deutlicher.

Diese wären ohne die Kooperation des Choreografen mit den Tänzerinnen und Tänzern, darunter Stephanie Cumming und Alexander Gottfarb, dem Musiker Andreas Berger, dem Regisseur Thomas Jelinek und der Philosophin Katherina Zakravsky wohl nicht denkbar. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 31.07.2007)

>> "Posing Project B - The Art of Seduction" im Semperdepot am 8., 10.+11. 8., 21.00
  • Der Tänzer Alexander Gottfarb von liquid loft ist kein Cyberpunk, sondern ein Projektor von kulturtechnischen Konstrukten.
    foto: haring

    Der Tänzer Alexander Gottfarb von liquid loft ist kein Cyberpunk, sondern ein Projektor von kulturtechnischen Konstrukten.

Share if you care.