"Zum Reden gehören immer zwei"

23. Oktober 2007, 11:53
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Im Rahmen des Projekts "Linz Europa Tour" für Linz 2009 machte Hubert von Goisern während seiner musikalischen Donauraumerkundung in der Ukraine Station

Ukraine - Auf die Frage, ob sich nach über einem Monat auf dem Schiff Vision und Wirklichkeit noch immer halbwegs decken würden, antwortet Hubert von Goisern auf der Fahrt zwischen den ukrainischen Spielorten Ismajil und Vilkovo nahe dem Donaudelta pragmatisch: "Genau so, ganz anders. Innen schmeckt es, wie ich es mir erträumt habe, nur die Kruste ist beim Kochen nicht so wie geplant geraten."

Ende Juni ist Goisern mit einem knapp 80 Meter langen, 350 Tonnen schweren Schiffsverband im niederösterreichischen Wallsee gestartet. Als Hauptprojekt der Kulturhauptstadt Linz 2009 will er im Rahmen einer Linz Europa Tour jetzt im Sommer 2007 die Donau Richtung Osten bis ins Delta und in einer zweiten Tranche 2008 die Wasserwege im Westen bis nach Amsterdam musikalisch erkunden. Und er versucht dabei mit seiner Band auf der Bühne des Schiffs vor allem auch, an den jeweiligen Haltestellen seiner Reise mit lokalen Musikern in den Dialog zu treten.

Während das Schiff bei drückender Hitze an heruntergekommenen Braunkohlehäfen und wild wucherndem Augebiet vorbeigleitet, erzählt Goisern von den bisherigen Eindrücken seiner Reise. Die gut 40-köpfige Besatzung (Schiffsleute, Goiserns Band, ein Filmteam, die Musiker der frisch dazu gestoßenen ukrainischen Band Haydamaky ...) versucht zur selben Zeit, sich im Schatten möglichst verhaltensunauffällig zu geben.

Nicht immer, so Goisern, habe das Zusammenspiel mit den Bands entlang der Donau so gut geklappt wie gestern vor 5000 restlos begeisterten Zuschauern im charmant desolaten Industrieort Ismaijl. Von Goisern schwärmt einerseits vom mehrtägigen Austausch mit der wilden Gypsy-Brassband Karandila in Bulgarien. Zuvor aber habe sich die Kommunikation mit den in Kroatien eingeladenen Künstlern als Katastrophe erwiesen. Auch aus organisatorischer Sicht.

Hubert von Goisern: "Zum Reden gehören immer zwei. Und wenn von der anderen Seite zu wenig Selbstvertrauen und deshalb zu wenig Bereitschaft herrscht, in den Dialog zu treten, muss man es lassen. Wir hatten es dort nur mit Desinteresse und Lethargie zu tun - die Musiker suchten dann auch die wildesten Ausreden, um, abgesehen von Soundcheck und Konzert, bloß nicht das Schiff betreten zu müssen, verweigerten das gemeinsame Musizieren. Und der lokale Veranstalter hatte weder die zugeschickten Plakate aufgehängt noch die Presse informiert."

Die grüne Kugel

Einige hundert Kilometer stromabwärts in Ismajil dagegen funktioniert alles ganz prächtig. Dort wurde von Goisern am Nachmittag vom Bürgermeister die, nun ja, grüne Kugel der Stadt überreicht und mit einer blumigen wie länglichen Rede begrüßt. Während dieser erfuhr man über die Vorzüge der dortigen Zellstoffwerke und die universelle Kraft der Musik.

Die aus dem benachbarten Moldawien kommenden, dank ihrer Teilnahme beim Eurovisions-Songcontest 2005 mittlerweile auch in der Ukraine und in Russland als Superstars geltenden Zdob si Zdub sorgten schließlich am späten Abend mit einem mitreißenden Konzert auch dafür, dass im Anschluss Hubert von Goiserns alpiner Rocksound vom Publikum zwar speziell während der Jodelpassagen etwas befremdet bis belustigt, aber dennoch dankbar aufgenommen wurde.

Die von Zdob si Zdub praktizierte Technik, regionale Volksmusikinstrumente, -melodien und -tänze mit Rock 'n' Roll, HipHop und bretterharten Metalgitarren kommerziell gefällig zu kombinieren und zusätzlich mit "im Osten" als Polka gedeutetem, heißgeliebtem Reggae und Ska aufzufrisieren, ist schließlich dem Ansatz des Hubert von Goisern nicht unähnlich.

Wie zum Abschluss ein gemeinsam vorgetragenes Hiatamadl zeigte, handelt es sich beim einst aus Amerika eingeflogenen Rock 'n' Roll, neben den Errungenschaften des aktuell in Form von Die Hard 4.0 auch in der Ukraine heftig plakatierten Hollywood-Kinos, um den mit Sicherheit größten aller Mittler zwischen fremden Kulturen.

Hier heftiges Jodeln, da wildes Kasatschok-Gebrüll: Die unterschiedlichen populären Ansätze in den regionalen Kulturen zwischen Bad Goisern und Odessa bilden hier, abgesehen von der Sprache, nur noch die zunehmend kleiner werdende Zuckerhaube einer möglicherweise in 20 Jahren gar nicht mehr unterscheidbaren musikalischen Ausdrucksweise außerhalb das Alte bewahrender Brauchtumsgruppen.

Auch Hubert von Goisern mag das ahnen. Immerhin hat er jahrelang sehr intensiv und mit erheblichem Einsatz von Eigenkapital daran gearbeitet, dass er diese Reise unternehmen kann. Vier Millionen Euro kostet dieses "möglicherweise letzte Abenteuer, das man in Europa bestehen kann". Ein Drittel davon steuerte die Stadt Linz im Rahmen der Kulturhauptstadt 2009 bei, ein Drittel kommt vom Hauptsponsor Red Bull, ein Drittel hat Goisern selbst aufgebracht. Er hofft auf die gelungene Vermarktung eines während dieser Reise produzierten Films mit anschließender DVD-Verwertung.

Tags darauf wird das Schiff im dank seiner winzigen, jetzt im Sommer ausgetrockneten Kanäle vollmundig als "Venedig des Ostens" bezeichneten Vilkovo von einer aus Odessa inklusive der dortigen Kulturbeauftragten angereisten Jugendtanzgruppe begrüßt. Dieser überreicht Goisern im Rahmen eines schulischen Austauschprojekts einen aus Wien mitgebrachten Medienkoffer. Freundschaft der Völker, Musik ist die größte Kraft. Europa muss zusammenwachsen. Gute Sache. Und so weiter.

Am Ende der Leiter

Kurz zuvor gab Sascha, der auf der Bühne martialische und privat melancholische Sänger der in der Ukraine beliebten Rockband Haydamaky, zu Protokoll, dass sich die Ukraine gemeinsam mit Portugal am unteren Ende der europäischen Hühnerleiter befinde. Pech, wer hier leben muss. Auch hier muss noch viel Wasser die Donau hinunterfließen, damit zusammenwächst, was bis heute nicht zusammen kann.

Der ganze Ort ist dann beim gemeinsamen Konzert von Haydamaky und Hubert von Goisern draußen am Hafen bis tief in die Nacht auf den Beinen. Man lauscht den über das Wasser getragenen Jodlern als Nachrichten aus einer zukünftigen, hoffentlich besseren Welt. Hubert von Goisern jedenfalls hat an diesem Tag kein Heimweh nach dem Altbekannten: "Nein, die Berge daheim fehlen mir nicht. Die Berge sind da. Die hat es während der letzten Jahrtausende hier im Donaudelta ja eh alle angeschwemmt." (Christian Schachinger aus der Ukraine / DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2007)

  • Hubert von Goisern (im Hintergrund sein Konzert- und Wohnschiff) wird im ukrainischen Vilkovo nahe des Donaudeltas von einer Jugendtanzgruppe begrüßt. Beim Austausch mit fremden Kulturen muss immer auch ein wenig Protokoll dabei sein.
    foto: schach

    Hubert von Goisern (im Hintergrund sein Konzert- und Wohnschiff) wird im ukrainischen Vilkovo nahe des Donaudeltas von einer Jugendtanzgruppe begrüßt. Beim Austausch mit fremden Kulturen muss immer auch ein wenig Protokoll dabei sein.

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