Schadenersatz für indiskrete Webcams

8. August 2007, 10:22
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Im Wirtshaus, in Geschäften, in Wohnungen oder auf der Straße - vor Webcams, die den Alltag ins Internet einspeisen, ist man nirgends mehr sicher

Vor dem Wiener In-Lokal rhiz pickt gerade eine Taube Brösel der vergangenen Nacht vom Schanigartentisch, aus dem Buffetwagen auf dem Hauptplatz vor dem Rathaus in Graz wird gerade ein Langos herausgereicht, und auf dem Flughafen von Zell am See ist gerade eine kleine Propellermaschine gelandet. Nicht gerade nervenzerreißend, was da Montagmittag über den PC-Schirm flimmert, aber immerhin ist es live, übertragen von einer Webcam. Immer mehr Private gaben via Internet Einblick in ihren Alltag und berühren damit auch Persönlichkeitsrechte von Dritten. Über die rechtlichen Rahmenbestimmungen weiß kaum jemand Bescheid.

Bergpanorama und Stadtansichten

Geboren aus der Idee der Wetterkameras, die per TV Bergpanorama und Stadtansichten liefern, haben sich Echtzeitbilder längst als Spaß verselbstständigt. Wer will, kann beispielsweise von daheim aus mitzählen, wie viele Krügerln ein Gast im Wiener Café Einstein konsumiert. Und nicht einmal erhielt der Kellner einen Telefonanruf, er solle doch bitte die Hübsche vom Tisch hinten in der Ecke ans Telefon holen.

Offene Kameras sind im Web leicht zu finden. Die richtigen Suchbegriffe dazu kursieren meist in so genanten Foren oder Blogs. Ein vielversprechendes Stichwort ist nach Angaben des Fachmagazins PC Welt zum Beispiel "liveapplet". Die Suchmaschine Google liefert dazu mehr als 81.000 Treffer. Darunter viele, bei denen es eher unwahrscheinlich ist, dass die Bilder für die breite Öffentlichkeit bestimmt sind. Hier wird unter anderem alles geboten, was sich mit Kameras überwachen lässt: Flughäfen, Baustellen, Kreuzungen und Server-Räume. 1800 Kameras

Sammlung

In der Webcam-Sammlung der deutschen globocam.de sind für Österreich 1800 verschiedene Liveübertragungen angeführt. Mehr hat in Europa nur Deutschland mit 6211.

Karl Kubita, EDV-Planer und Berater aus Wien, hat den Blick aus seiner Wohnung ins Netz gestellt: hinunter auf die Reinprechtsdorfer Straße, sowohl Richtung Margarethenstraße als auch Richtung Matzleinsdorfer Platz. Die beiden Cams liefern alle 15 Minuten ein Livebild. Zuseher, die sich nicht für Straßenverkehr interessieren, finden eher wenig Aufregendes. Und dennoch: "Ich habe viele Zugriffe aus den USA, vor allem von Alt-Österreichern, die sehen wollen, was sich in der ehemaligen Heimat so tut", erklärt Kubita im Standard-Gespräch. Vor Kurzem habe sogar ein User aus China vorbeigeschaut, "aber der hat sich wahrscheinlich verirrt", meint der EDV-Techniker.

Der eigentliche Grund für Kubitas Webcams, die täglich zwischen 6 und 22 Uhr aktiv sind, ist Werbung für sein Geschäft. "Ich will zeigen, dass auch kostengünstige Funkkameras gute Bilder liefern. Mit 100 Euro ist man dabei." Die Qualität der Bilder habe er aus rechtlichen Gründen so reduziert, dass die Kennzeichen der vorbeifahrenden Autos nicht erkennbar sind.

Rechliches

Es zeigt sich, dass meist nur Profis rechtliche Bestimmungen beherzigen. Die Stadt Wien etwa hat sogar jede ihrer unzähligen Kameras – vom Burgtheater bis zum Johann-Strauß-Denkmal im Stadtpark – beim Datenverarbeitungsregister angemeldet. Aufzeichnung

Ein Vorgehen, das eigentlich nur dann vorgeschrieben ist, wenn die Daten aufgezeichnet werden. Aber genau das kann bei offenen Webcams eben nie ausgeschlossen werden. Denn auch wenn der Betreiber die Daten nicht speichert – der jeweilige User am anderen Ende der Internetleitung kann Sequenzen jederzeit auf der eigene Festplatte sichern und damit auch die Daten vervielfältigen.

"Mit der digitialen Aufzeichnung von Daten wird es heikel", erklärt die auf Datenschutz spezialisierte Rechtsanwältin Margot Artner aus Wien. Die rechtlichen Aspekte berühren neben dem Datenschutz viele Bereiche, darunter das Arbeitsrecht, das Urheberrecht, das Mediengesetz und sogar das Strafgesetz. Zoom-Funktion

Datenschutz

In der Öffentlichkeit muss zwar jeder damit rechnen, gefilmt zu werden. Sind die Ergebnisse aber dazu geeignet, die Identität eines Einzelnen aus der anonymen Masse heraus zu bestimmen, wird der Datenschutz schlagend. Ein bisher nicht ausjudiziertes Problem sind schwenkbare und mit Zoom ausgestattete Webcams, die von jedem User gesteuert werden können. Rechtsanwältin Artner macht außerdem darauf aufmerksam, dass im Fall einer aufgezeichneten Straftat besondere Rechte für Opfer gelten.

Spaß

Wie viele "Spaßvögel" per Webcam Nachbarn ins Fenster spechteln, weiß niemand. Wer dabei erwischt wird, muss jedenfalls wegen Verletzung der Privatsphäre mit deftigen Strafen und Schadenersatzforderungen rechnen. Dass Wetter- oder Webcams außerdem nicht gefeit vor Hackern sind, zeigte sich vor einem Monat, als im tschechischen Frühstücksfernsehen auf einmal ein Atompilz das Panorama des Riesegebirges verunstaltete. Eine Künstlergruppe hatte das apokalyptische Szenario eingespeist. (Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe, 31.7.2007)

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