Prominenter Kernel-Entwickler hört auf

20. September 2007, 11:37
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Con Kolivas war ein starker Verfechter des Linux-Desktops und zieht sich nun zurück

Der Linux-Kernel-Entwickler Con Kolivas zieht sich zurück: diese Ankündigung bedeutet nicht nur einen großen Verlust für die Entwickler des Linux-Kernels, sondern auch für die Verfechter eines Linux-Desktop.

Job, Kinder und Japanisch

Con Kolivas ist einer der bekanntesten Entwickler im Linux-Kernel-Team und ist zudem in der Community für seine Patchsets für den Kernel - diese wurden mit "-ck" markiert - sehr beliebt und angesehen. In Zukunft will sich Kolivas verstärkt seiner Familie und seinen beiden Kindern, aber auch seinem Hauptberuf - als Anästhesist in einem Spital im australischen Melbourne und dem Erlernen von Japanisch widmen.

Schnellere Rechner, die langsamer arbeiten

Im Interview skizziert Kolivas seine Anfänge in der Linux-Entwicklung bis zum Ende nach. Der Beweggrund für seine Linux-Karriere war der Wunsch nach einem Desktop-Betriebssystem, das funktioniert und sich einfach bedienen lässt. "Der Desktop-PC ist Schrott. Wir alle besitzen heute Computer, die vor zehn Jahren noch als Supercomputer galten, aber warum ist dennoch alles so langsam? Wenn die Rechner exponentiell schneller wurden, warum dauert es immer länger bis ein Computer hochfährt und die Anwendungen starten? Natürlich gab es in einigen Bereichen wesentliche Verbesserungen - etwa beim Video-Encoding - aber im Großen und Ganzen ist alles andere unglaublich viel langsamer als früher. Das Standardargument lautet, dass die Rechner heutzutage so viel mehr leisten, dass es nicht fair ist, sie mit früheren Rechnern zu vergleichen. Nun gut, wenn dem so ist, dann müssten die heutigen Rechner, die gut zehn Mal langsamer sind und nicht tausend Mal schneller, rund 10.000 Dinge mehr machen als ihre Vorgänger. Es ist klar, dass diese 10.000 anderen Dinge, die sie nun können, finden sich alle an den falschen Plätzen", so Kolivas.

Linux hat gewonnen, die User haben verloren

Linux sollte das Problem beheben und den Desktop-AnwenderInnen die Macht über ihr System geben, doch dann kam der Erfolg. "Linux hat gewonnen. Wir sind nun der größte Konkurrent im Server- und Datenbanken-Markt und alle großen Namen in der Branche sehen sich an was bei Linux geschieht. Das Geld wurde dann von den großen Unternehmen auch in diesen Bereich transferiert. Die AnwenderInnen haben dabei verloren. Der Desktop-PC, auf dem die Linux-Entwicklung begonnen hatte, wurde links liegen gelassen. Performance, oder besser gesagt, dass was Desktop-UserInnen unter Performance verstehen, wurde vergessen."

Die Probleme mit dem Linux-Desktop

Trotzdem wollte der Entwickler weiterhin dafür sorgen, dass das Thema Performance und Desktop bei Linux nicht gänzlich vergessen wurde. Ein Versuch der zwar nicht total scheiterte, aber immer frustrierender wurde. Die mangelnde Unterstützung war dabei nur ein Punkt von vielen, die zur heftigen Diskussionen führten.

Entwicklungsprozesse müssen geändert werden

Aus Sicht von Kolivas müssten die Entwicklungsprozesse beim Linux-Kernel adaptiert und geändert werden. Man sei mittlerweile zu weit von den UserInnen entfernt. Die "Linux kernel mailing list (lkml) als Kommunikationsmittel zu den Entwicklern werde nicht so genutzt, wie man sich dies erwarten könnte, denn vielfach würden die EntwicklerInnen aus Angst ihre Unwissenheit würde zu Kritik führen, auf Einträge in der Liste verzichten. "Für einen Großteil gilt, dass man keinen freundlichen Weg zur Kommunikation über normale AnwenderInnen-Probleme, die den Kernel betreffen, findet. Natürlich sind die Kernel-Entwickler lustige und freundliche Menschen. Schau dir einfach die Interviews mit Linus an und wie er sich selbst sieht." Die Entwickler würden vielfach nicht mehr im Entferntesten wissen, was die wahren Probleme der AnwenderInnen seien, so Kolivas. "Eine kleine mutige Minderheit freue sich dennoch auf der lkml zu posten und ich habe den AnwenderInnen immer gesagt, sie sollen sich auch gerne direkt an mich wenden, wenn Probleme auftauchen."

Von Seiten der Kernel.org gab es bislang noch keine offizielle Stellungnahme zum Abgang ihres Entwicklers.(red)

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    Con Kolivas will sich in Zukunft mehr um seine Kinder und um die Verbesserung seines Japanisch kümmern.

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