Taliban: Zweite deutsche Geisel "sehr krank"

24. Juli 2007, 17:22
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Entführter soll an Diabetes leiden - In Deutschland regt sich zudem Kritik am Militäreinsatz

Kabul/Berlin/Seoul - Der zweite in Afghanistan verschleppte deutsche Staatsangehörige ist nach Taliban-Angaben "sehr krank". Der Mann leide an Diabetes und verliere immer wieder das Bewusstsein, sagte Taliban-Sprecher Qari Mohammad Yousuf Ahmadi am Dienstag in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AFP. Er müsse meistens auf einer Trage von einem Ort zum anderen gebracht werden.

Der Mann war zusammen mit einem inzwischen verstorbenen weiteren Deutschen und fünf Afghanen am vergangenen Mittwoch in der Provinz Wardak südwestlich von Kabul verschleppt worden.

Indessen haben die Taliban ihre Forderungen an die Bundesregierung konkretisiert. "Wir verlangen die Freilassung von zehn Taliban oder den Abzug der deutschen Truppen", sagte Talibansprecher Kari Mohammad Jusuf am Dienstag. Bislang hatte seine Gruppierung auf Freilassung der Gesinnungsgenossen und dem Rückzug der Bundeswehr bestanden. Jusuf sagte weiter, die Taliban hätten kein Ultimatum für die Freilassung der deutschen Geisel gestellt. Bislang habe wegen des Mannes niemand Kontakt zu den Taliban aufgenommen.

Die ursprünglich für Montag vorgesehene Überführung des Leichnams der verstorbenen Geisel, eines Bauingenieurs, nach Deutschland verzögerte sich. Sein Leichnam war am Sonntag gefunden worden. Einem der entführten Afghanen gelang die Flucht. Die deutsche Regierung rätselt immer noch, wie der vergangenen Mittwoch entführte Ingenieur zu Tode kam. Eine Obduktion in Deutschland soll endgültig Klarheit über die Todesumstände bringen. Ermittler des Bundeskriminalamts in Kabul berichteten laut Spiegel-Online von mehreren Einschusslöchern in der Brust des Deutschen.

Anstrengender Nachtmarsch

Ein afghanischer Augenzeuge, der ebenfalls entführt wurde, aber am Sonntag frei kam, soll angegeben haben, dass Rüdiger D. bei einem anstrengenden Nachtmarsch in die Berge mit einem Infarkt oder einem Schwächeanfall zusammengebrochen war. Anschließend hätten die Entführer auf seinen Körper gefeuert.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ging am Montag weiter davon aus, dass der Mann an einem Schwächeanfall in Geiselhaft starb. Mit "aller Kraft", so Steinmeier, bemühe sich die deutsche Regierung, das Leben des zweiten entführten Deutschen zu retten. Auch Rüdiger B, der aus Bayern stammen soll, ist durch die Märsche offenbar sehr geschwächt. Vermittler der deutschen Regierung hatten am Sonntag mit ihm telefonischen Kontakt.

Die politische Debatte in Deutschland über den Fortbestand des Militäreinsatzes in Afghanistan geht indes weiter. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), fordert ein Festhalten am Afghanistan- Einsatz und mahnt die SPD-Führung, die Zweifler in der Partei zu überzeugen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.7.2007/APA/Reuters/red)

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