Moskau provoziert mit Bombern

27. Juli 2007, 12:31
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"Übungsflüge" nahe britischer Küste - Keine Kooperation im Terror-Kampf - Russland bekundet Bereitschaft zu Entspannung

Zum zweiten Mal stiegen britische Jets auf, weil russische Bomber britischem Luftraum nahe kamen. Russland erklärt die Bereitschaft zu Entspannung im Diplomatenstreit.

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Nach dem Beschluss, jeweils vier Diplomaten der Gegenseite auszuweisen, gab es am Freitag Entspannung zwischen Großbritannien und Russland nur in Wortmeldungen zum Mordfall Litwinenko. Zwar hatte der russische Präsident Wladimir Putin festgehalten, dass es sich um eine „Mini-Krise“ handelt, mit der man auch noch fertig werden würde. Am Freitag kreisten aber wieder vier russische Jagdbomber stundenlang über neutralen Gewässern nahe der britischen Küste und provozierten, dass britische und norwegische Kampfjets insgesamt viermal aufstiegen.

Die russischen Streitkräfte sprechen von Übungsflügen. In die allgemeine Hysterie stimmte gestern auch der Präsident des russischen Unternehmerverbandes, Alexander Schochin, ein: Die Krise könne dazu führen, dass ein bedeutender Teil russischer Firmen der Londoner Börse den Rücken kehrt. Die beiden Staaten wollen ja auch künftig gegenseitig keine Visa mehr für Beamte ausstellen, was Manager von Staatsbetrieben treffen könnte.

Beziehungen "normalisieren"

Ungeachtet dessen erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow, sein Land sei bereit, die wegen des Mordfalles Litwinenko gespannten Beziehungen zu London zu „normalisieren“. Ein Regierungssprecher in Moskau sagte Freitagabend, der Ex-Agent Andrej Lugowoj, dessen Auslieferung London verlangte, gehöre auch in Moskau als „einer der Verdächtigen“ im Mordfall Litwinenko. Bisher hatte er in Russland als Zeuge gegolten.

Lugowoi im Fall Litwinenko zu Prozess in Russland bereit

Lugowoi erklärte sich am Freitag dazu bereit, sich vor einem russisches Gericht zu verantworten. "Ja, natürlich", antwortete Andrej Lugowoi auf die Frage des russischen Radiosenders Moskauer Echo, ob er gewillt sei, an einem Prozess in Russland teilzunehmen. Die britischen Ermittler hätten aber "keine Beweise" gegen ihn, betonte der frühere KGB-Agent. "In acht Monaten habe ich keinen offiziellen Brief, keine Einladung, keine Vorladung nach London erhalten, um dort auszusagen", fügte er hinzu. Er habe im Februar Scotland Yard angerufen und nach einem Ansprechpartner gefragt, aber nie eine Antwort erhalten.

Zusammenarbeit aufgekündigt

Für Überraschung hatte tags zuvor Russlands Beschluss gesorgt, die Zusammenarbeit mit London im Kampf gegen den internationalen Terrorismus aufzukündigen. Der britische Außenminister hatte zu Wochenbeginn im Parlament die Möglichkeit angedeutet, die Kooperation mit dem russischen Geheimdienst FSB zu überdenken. In der Lesart des russischen Außenministeriums heißt das eine eindeutige „Absage an jegliche Kooperation mit dem FSB“, der in Russland eine zentrale Rolle im Antiterrorkampf spielt. Londons Schritt sei „kontraproduktiv“, da Großbritannien Russlands Kooperation genauso brauche wie umgekehrt, meinte Putins Spezialvertreter für internationale Antiterrorkooperationen Anatoli Safonow.

"Prinzip des geringsten Schadens"

Russlands Reaktion sei jedenfalls nicht folgenschwer, vielmehr folge sie „dem Prinzip des geringsten Schadens“, meint Andrej Soldatow, Direktor des Moskauer Forschungszentrums über Geheimdienste „Agentura“. Die diesbezügliche Kooperation beider Staaten hätte sich „schon lange auf politische Erklärungen und demonstrative Aktionen beschränkt“. Eine Infrastruktur für ständigen Informationsaustausch sei nie eingerichtet worden. Soldatow schließt nicht aus, dass man die Briten als unbedeutender als die USA erachtete, obwohl gerade in England eine große tschetschenische Diaspora lebe.

Nach Angaben des FSB unterhält man Kontakte mit 120 Geheimdiensten und Sicherheitskräften in 76 Ländern, sowie mit 44 Grenzschutzbehörden in 37 Staaten. Laut FSB-Chef Nikolaj Patruschew gehe die Kooperation vom reinen Informationsaustausch auf langfristig angelegte gemeinsame operative Maßnahmen über. Praktische Ergebnisse habe man mit den Geheimdiensten der USA, Deutschlands, Frankreichs, Chinas, Ungarns und Litauens erzielt. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.7.2007/red/APA)

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    Russlands Präsident Vladimir Putin und Gordon Brown im Kreml (Februar 2006).

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