"Freier Content ist die Grundlage einer freien Kultur"

6. August 2007, 23:08
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Während Open Source sich immer stärker durch­setzt gibt es bei den Inhalten noch einiges nachzuholen - Creative Commons- Aktivist Phillips im WebStandard-Gespräch

Seit Jahren ist es das gleich Spiel: Irgendwer ruft das kommende Jahr zum "Jahr des Linux-Desktops" aus, ein Versprechen, das aufgrund der mangelnden Korrelation mit der Realität längst zu einer zuverlässigen Zielscheibe für Spott und Hohn in den Online-Foren der IT-Presse geworden ist. Doch während das freie Betriebssystem auch in absehbarer Zeit wohl nicht die Mehrheit der Consumer-Desktops bevölkern wird, hat sich die Open Source-Produktionsweise längst zum Mainstream entwickelt: Immer mehr große Unternehmen entdecken die Vorteile einer offenen Entwicklung, selbst Microsoft zeigt sich der Thematik gegenüber bei weitem nicht mehr so abgeneigt wie einst.

Inhalte

Doch zu freier Software sollten eigentlich auch freie Inhalte gehören, wie John Phillips herausstreicht: "Freier Content ist die Grundlage einer freien Kultur", zeigt sich der Open Source-Entwickler und Mitarbeiter bei Creative Commons im Gespräch mit dem WebStandard am Rande der GNOME-EntwicklerInnenkonferenz GUADEC überzeugt. Es sei zwar schon ein großer Fortschritt, wenn man - zum Beispiel - einen freien Media-Player mit freien Codecs einsetzt, aber bei den Inhalten hapert es derzeit noch erheblich.

Gobuntu

Ein Punkt, der leider bisher selbst bei Linux-Distributionen nur eine äußerst untergeordnete Rolle spielt. Insofern sei das kürzlich angekündigte Gobuntu, das sich neben freier Software auch - ausschließlich - freien Inhalten verschrieben hat, ein wichtiges Signal.

Sammlung

Doch auch mit anderen Unterfangen soll die Sichtbarkeit von freiem Content erhöht werden, etwa mit der Open Content Library, in der versucht wird verschiedenste Quellen mit freien Materialien - etwa die Open Clipart Library oder die Open Font Library - zusammenzuführen. Dass all dies nur ein Behelfsmittel darstellt, ist Phillips durchaus bewusst. Besser wäre es die großen Suchmaschinenbetreiber dazu zu bringen, die gefundenen Inhalte mit der jeweils gültigen Lizenz zu kennzeichnen, damit sofort klar ist, was wie weiterverbreitet werden darf, so der Creative Commons-Verfechter.

Schwierig

Ein weiteres Problem sieht Phillips darin, dass es für die BenutzerInnen einfach noch immer zu mühsam sei, ihre eigenen Inhalte mit einer passenden Lizenz zu versehen. Wer mehrere Schritte explizit durchführen muss, tendiere dazu, es gleich lieber ganz zu lassen. Eine Realität, deren Lösung er sich selbst mit der Entwicklung der liblicense verschrieben hat.

Voreinstellung

Diese soll dazu dienen Desktop-weit eine Default-Lizenz für die eigenen Inhalte zu definieren, die dann für alle eigenen Erzeugnisse angewendet und in den Metadaten abgespeichert wird, eine manuelle Festlegung für jede Datei entfällt. Die gewünschte CC-Lizenz lässt sich leicht über ein Einstellungstool auswählen, und natürlich gezielt für einzelne Dateien ändern.

Multi-Plattform

Die liblicense und die zugehörigen Tools sollen für eine Vielzahl von Plattformen verfügbar sein, darunter auch proprietäre Systeme wie Mac OS X oder Windows. Zentral seien aber die Ausführungen für freie Softwareumgebungen wie Linux, auch eine eigene Release für den 100-Dollar-Laptop oder das freie Handy-Projekt openMoko ist geplant.

Kommerziell

Jenseits von technischen Lösungen, sieht Phillips aber noch weitere ungelöste Probleme rund um die Creative Commons. So werde es für eine weitere Verbreitung nötig sein, konkrete Lösungen für KünstlerInnen zu finden, die ihre Inhalte zwar unter der freien Lizenz veröffentlichen, aber auch kommerzielle Nebenabkommen treffen wollen. Dies soll künftig mit CC+ - einer angepassten Version der Creative Commons - in Angriff genommen werden.

Zusammenarbeit

Für den auch an der Vektorgrafiksoftware Inkscape beteiligten Entwickler, ist der Einsatz für freie Lizenz schlicht eine Notwendigkeit. Die herrschenden restriktiven Copyrightgesetze würden die partizipatorische Weiterentwicklung von Inhalten zunehmend verhindern, ein Umstand dem man entgegen treten müsse. Dies könne man durch offensives Ignorieren der rechtlichen Realitäten - wie es in vielen Tauschbörsen praktiziert wird - oder eben durch den Versuch neue - freiere - Regeln zu schaffen.(Andreas Proschofsky aus Birmingham)

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