Verlust des öffentlichen Raums

17. Juli 2007, 18:49
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Die einzigen öffentlichen Räume, die bisher noch nicht kommerzialisiert worden sind, sind die Kirchen

Das, was man früher öffentlichen Raum nannte, wird immer kleiner. Stückchen für Stückchen arbeiten sich findige Private vor, die auf Straßen und Plätzen, die einst allen gehörten, ihr Geschäft machen. Weniger Staat, mehr privat. Für die Anhänger dieser Doktrin scheint es geradezu eine Ehrensache geworden zu sein, dass es keinen Quadratmeter Erdoberfläche mehr geben soll, aus dem nicht irgendwelche Euros lukriert werden. Mir wird das langsam zu viel. Als Bürgerin und Steuerzahlerin frage ich mich, wo eigentlich mein Anteil an der Erdoberfläche geblieben ist. Ich möchte mein Stück öffentlichen Raum wiederhaben.

Jüngstes Beispiel: das Lugeck in Wien. Ein einst ganz schöner Platz, in der Mitte steht das Denkmal für Johannes Gutenberg. Japaner fotografieren den Platz gern, samt dem pseudomittelalterlichen Haus hinter dem Denkmal. Aber die private Gastronomie nagt an dem Ort. Im Vorjahr hat das italienische Eisgeschäft das Areal seines Schanigartens verdoppelt und mit Glasbarrieren abgesperrt. Das Restaurant daneben tat es ihm nach. Und heuer entsteht im Rücken des ehrwürdigen Gutenberg anstelle des vorher dort befindlichen Modegeschäfts ein Asien-Lokal, das sich den Rest des Platzes für seinen Schanigarten gesichert hat.

Inzwischen kann man von "Platz" praktisch nicht mehr sprechen. Ein paar schmale Fußgängerdurchgänge sind geblieben, auf denen man sich zwischen parkenden Autos und Restauranttischen gerade noch durchzwängen kann, vorausgesetzt, man geht im Gänsemarsch.

Wien ist, anders als Rom oder Florenz, keine Stadt der Plätze. Aber einige gibt es doch und diese versuchen wir mit allen Mitteln kaputtzumachen. Der Platz Am Hof, einer der schönsten, ist praktisch immer vollgestellt mit Standeln und Buden. Wie schön der Heldenplatz ist, merkt man erst, wenn, wie jetzt, einmal kein Event dort stattfindet und das Bundesheer oder die Landwirtschaft nicht das Gelände besetzen, samt den unvermeidlichen Bratwurst-, Bier- und Mehlspeiszelten.

Das gleiche gilt für die meisten Plätze der Bundeshauptstadt wie auch der Landeshauptstädte. Niemand protestiert, obwohl die Österreicher sonst nicht müde werden, nach jedem Urlaub die Schönheit der italienischen luftigen Piazzas zu preisen, wo man flanieren kann und die Wirkung der umliegenden Architektur genießen.

Aber wir lassen es nicht bei den Plätzen bewenden. Auch die öffentlichen Gebäude müssen kommerziell genutzt werden. Die privatisierte Post hat im Zeichen von "weniger Staat, mehr privat" zunächst einmal das schöne Hauptpostgebäude, einen Biedermeierbau von Kornhäusel, innen in eine Art Kaninchenstall verwandelt, um allerlei mehr oder minder obskuren Geschäften Raum zu geben. Etliche sind inzwischen (zu meiner klammheimlichen Freude) eingegangen. Seither wurde neuerlich umgebaut. Das Resultat ist, dass man nun die Schalterhalle um mehrere Ecken herum suchen muss.

Es gibt so etwas wie eine Würde öffentlicher Einrichtungen, die Gefahr läuft, im Kommerzwettlauf geopfert zu werden. Ich warte nur darauf, dass die Hofburg privatisiert wird und auf dem Ballhausplatz die ersten Bratwurstbuden auftauchen. So viele schöne Quadratmeter, die kein Geld bringen!

Die einzigen öffentlichen Räume, die bisher noch nicht kommerzialisiert worden sind, sind die Kirchen. Aber man soll sich nicht zu früh freuen. Die Bankreklamen auf dem Stephansturm waren ein viel versprechender Anfang. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD, Printausgabe, 18.7.2007)

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