Irritationen gegen Gleichmacherei

25. Oktober 2007, 15:57
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Warum Kunst als Widerstandspraxis in einer vereinheitlichten Gesellschaft notwendiger denn je ist: Auszüge aus der Eröffnungsrede der Festwochen Gmunden

Durch den Verlust der Erinnerung, des kollektiven Gedächtnisses (...) sieht es fast so aus, als würden wir konsequent an unserem kulturellen Verschwinden arbeiten.

Und trotzdem stelle ich mir die Frage: Ist es nicht gerade dieses Nichts aus dem etwas Neues entstehen kann?

Die Depression, die die westliche Welt erfasst hat, entsteht aus dem Umstand, dass die Krise nicht mehr als Phase der Reifung verstanden wird, nämlich als Übergangsmoment von einem Lebenszustand in einen anderen. Dieses Bewusstsein der kreativen Krise basiert jedoch auf der Notwendigkeit eines kollektiven Gedächtnisses, das heute leider per Knopfdruck mit dem Computer aufgerufen und wieder ausschaltbar ist. Es ist aber nicht mehr Gegenstand eines Erfahrungsprozesses, der schmerzhaft oder aber auch lustvoll als Erinnerung in unserem Körper sich festsitzt. Es ist außerhalb von uns, weder spürbar noch verantwortbar.

Das löst Ängste, Unruhe aus: Deswegen erscheint uns die Krise als Dilemma oder gar Endpunkt, und nicht als Schwelle oder notwendige Phase, um nicht mehr Bewährtes auszustoßen und Neues zuzulassen. Also kann es nur darum gehen, das Alte auf den Prüfstand zu stellen, sich selbst zu befragen, durchaus spielerisch, durchaus mit alten uns vertrauten ästhetischen Mitteln, aber durchaus auch mit neuen ästhetischen Mitteln, die glücken oder auch scheitern müssen können, um Varianten zu schaffen, um Auswahlkriterien zu erstellen. Um dem kulturellen Verschwinden entgegenzuarbeiten, sind Versuchsanordnungen angesagt. Auch die Kunst kann sich diesbezüglich bis zur Selbst-Infragestellung dieser offensichtlich tatsächlich neuen Situation im gesellschaftlichen Entwicklungsprozess aussetzen (siehe die diesjährige documenta). (...)

Mittel der Politik

Rufen wir uns das Bewusstsein wieder in Erinnerung, dass Kunst nicht nur ein Standortfaktor, sondern schlichtweg einer der wesentlichen Standbeine ist, auf der eine wohl gemerkt zivile und kultivierte Gesellschaft oder Gemeinschaft ruht. (...) Dabei können wir uns sicher nicht ausschließlich beschränken auf die Konservierung feudaler oder bürgerlicher Kunst als liebenswürdiges Souvenir einstigen gesellschaftlichen Lebens mit z. B. dem Kuscheltier Oper in der Mitte, das sicher am leichtesten konsumierbar, weil alle Sinne bindend, und für repräsentative Zwecke gut geeignet und daher auch immer gut finanziert ist - denkbar wäre als Ergänzung, dass Kunst "clandestin, also heimlich" ein Mittel alternativer Politik werden könnte, um eben jener Tendenz zur Oberflächenkultur entgegenzuwirken, die durch die Rasanz der Entwicklungen und der Medienmacht wohl kaum aufzuhalten ist. (...)

Wenn Kunst früher kritische Funktionen innehatte und heute in Rudis Resterampe gelandet ist, heißt das vor allem, dass die kritische Funktion verwaist.

Solange es aber so etwas wie Widerspruchsgeist - der meiner Ansicht nach der Motor von Entwicklung ist - gibt, solange muss dieser Widerspruchsgeist ein Betätigungsfeld finden. In diesem unklaren Zwischenstadium könnte und kann sich die Kunst ihrem eigentlichen Potenzial wieder vermehrt zuwenden, ein anarchisches Potenzial, das effektiv ein Lernprozess für kreatives Denken und Handeln ist. Sich nicht anpassen, wenn nicht aggressiv, so zumindest subversiv und sich als Störfall denken und produktives Chaos erzeugen.

Beschauungsspielraum

Kunst trainiert die Phantasie - und das ist klar: Wer keine Phantasie hat, schafft sich selbst ab. Im weitesten Sinne wäre Kunst - ein Trainingsfeld für Dialogfähigkeit und für kreatives Handeln - durch Beschauung/Betrachtung zu einer Erkenntnis zu gelangen. Ich möchte daran erinnern, der Begriff "theatron" entstand aus dem Begriff der "theoreia" - theoreia, unser heutiger Begriff für Theorie -, kam aus dem dyonischen Kult und hieß Beschauung: Daraus folgte die Dedukation und Festlichkeit.

Aus diesem Begriffszusammenhang wurde das "theatron" entwickelt: der Beschauungsspielraum. Demnach können wir festhalten: ohne Betrachtung - und Betrachtung heißt mit allen Sinnen aufnehmen, wahrnehmen - gibt es keinen spielerischen Vorgang, keine ästhetischen Umsetzungen, keine Fantasie, keine Erfahrung, keine Erkenntnis: Das Denken ist ein lustvoller Vorgang, hatte Margret Mitscherlich vor Kurzem in einem Interview gesagt. Es hindert nicht, es beflügelt. Und der Bauch denkt manchmal sehr laut mit: Das dürfen wir nicht vergessen. (...)

Widerstand schaffen

Nehmen wir einmal an, Kunst hat zur Kultivierung der Menschengemeinschaften beigetragen. Die daraus entstandene Kultur hatte zur Aufgabe natürlich zu einen, aber über die Erkenntnis eben der Differenz, da Kunst an sich auch immer wieder den Widerstand, die Prüfung, die Irritationen, neben dem vielleicht Schönen , dem Erhabenen und auch der Tröstung, die genauso wichtig sind, geschaffen hat.

Und dieses Bewusstsein ist heute ein wenig zur Mangelware geworden. Wenn Kunst also heute nicht in Not geraten will, so muss sie der Vereinheitlichung, die teils gefordert, teils systemimmanent entsteht, widerstehen. Vereinheitlichung der kulturellen Grundlagen und die Gefährlichkeit einer flächendeckenden Mono-Kultur liegen auf der Hand: Sie dogmatisiert und führt zu Intoleranz und übrigens zur Langeweile. Widerspruch, Eigensinn, Vielfalt wäre in einer solch einheitlichen Gesellschaft nicht mehr erwünscht.

Neugierde, Offenheit

Eine solche Kultur würde an sich selbst zugrunde gehen, da kein Widerstandspotenzial vorhanden ist, Reibungen nicht mehr stattfinden und daher auch nichts neues entstehen kann. Außerdem verdrängt eine solche Gleichmacherei den anderen, das andere und versucht zu domestizieren, wo es um Achtung, Respekt, selbstbewusste Eigenständigkeit vor dem Fremden und Andersartigen gehen müsste und letzten Endes um Neugierde - die Voraussetzung schlechthin für Offenheit und Akzeptanz.

Die Identität, nach der wir ringen, stellt sich heute nicht mehr über die Kultur her, in die jeder Einzelne hineingeboren worden ist. Sie kann höchstens eine Zuordnung ermöglichen. Der Schritt sollte dahingehend forciert und vollzogen werden, dass Identität heute eine Frage der Souveränität ist, unabhängig von der eigenen kulturellen Eigenheit, ohne diese zu verleugnen, aber nicht von ihr abhängig zu sein, denn das funktioniert offensichtlich nicht mehr im neuen nomadischen Weltensystem.

Unser Bemühen richtet sich wohl dahingehend, die "Viel-Kulturalität" einer globalen Gesellschaft zu akzeptieren und die Interaktionen als einen "Gewinn" zu verstehen und nicht als Aggression oder Attacke gegen die eigene Identität. Reflexion und Kommunikation sind dabei die wichtigsten Vokabeln unserer Zeit, die hier in Gmunden bei den Festspielen so ernsthaft und seit Jahren so geschätzt ihren Spielraum erobert haben. (Elisabeth Schweeger, DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.07.2007)

Elisabeth Schweeger ist Kulturmanagerin und scheidende Intendantin des Schauspiel Frankfurt.
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    Erkenntnis durch Beschauung: Peter Friedls Giraffe auf der documenta.

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