Essay: Der Widerschein des Nazismus

20. Juli 2007, 13:43
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Die nationalsozialistischen Täter sind zu einer Art Medienstars geworden: Saul Friedländer tritt dieser Entwicklung mit seinen Büchern entgegen

Am 27. September 1941 bekam das Polizeirevier Mauthausen in Oberösterreich einen Beschwerdebrief von einer Eleonore Gusenbauer. "Im Konzentrationslager Mauthausen werden auf der Arbeitsstätte im Wienergraben wiederholt Häftlinge erschossen, von denen die schlecht getroffenen noch längere Zeit leben und so neben den Toten Stunden und sogar Halbtage lang liegen bleiben. Mein Anwesen liegt auf einer Anhöhe nächst dem Wienergraben, und man ist oft ungewollt Zeuge von solchen Untaten. Ich bin ohnehin kränklich und solches Ansehen nimmt meine Nerven derart in Anspruch, daß ich dies nicht auf die Dauer ertragen kann. Ich bitte um Veranlassung, daß solche unmenschlichen Handlungen unterbleiben bzw. dort gemacht werden, wo man es nicht sieht."

Mit seiner Gefühlsmischung aus Abscheu und Verdrängung ist dieser Brief charakteristisch für die Reaktion von Deutschen und Österreichern auf die zunehmende Aggression gegenüber Juden und Gegnern des nationalsozialistischen Regimes im Jahr 1941. Noch hatte das Morden nicht im Vollsinn den Charakter einer später so bezeichneten "Endlösung" angenommen. Aber es war bereits unübersehbar, dass für die Juden nicht mehr ernsthaft nach einer "politischen" Lösung (wie der häufig beschworenen Deportation nach Madagaskar) gesucht wurde. In Saul Friedländers Buch Die Jahre der Vernichtung. Das dritte Reich und die Juden 1939–1945 ist der Brief von Eleonore Gusenbauer nur ein Zeugnis unter zahllosen. Er drückt jedoch einen Wunsch aus, der auf eine prekäre Weise auch noch die Erforschung der Shoah nach dem Krieg bestimmt hat: Die Opfer fanden sich vielfach dort, "wo man es nicht sieht". Auf der Täterseite ist der Vernichtungsfeldzug gegen die Juden sorgfältig dokumentiert worden, zudem gibt es von führenden Betreibern des Völkermords wie Heinrich Himmler einen genauen Dienstkalender, und die Tagebücher von Joseph Goebbels dienen auch bei Friedländer als eine Art Chronik, aus der bei aller Vorsicht doch eine Denkbewegung von Hitler selbst erschlossen werden kann. Die zeitgenössischen Zeugnisse der Opfer sind hingegen weniger intensiv für die Geschichtsschreibung erschlossen worden, und vor allem dafür, dass er dieses Versäumnis nun korrigiert hat, erfährt Saul Friedländer gegenwärtig enormen Zuspruch.

Nicht nur sein aktuelles Buch, der zweite Teil seines vor zehn Jahren mit einem Band über die Jahre 1933–1939 eröffneten Unternehmens, wird intensiv rezipiert – für sein Gesamtwerk wird ihm heuer der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Ausgezeichnet wird damit ein Forscher und Intellektueller, dessen eigene (Familien-)Geschichte in die "Jahre der Vernichtung" fällt: Als gebürtiger Prager, Jahrgang 1932, entging Friedländer dem Tod nur, weil er in einem katholischen Internat in Frankreich vor der Deportation bewahrt wurde. Seine Eltern wurden nach Auschwitz gebracht und starben dort.

Angesichts dieser persönlichen Betroffenheit ist das Werk über die Judenvernichtung eine Meisterleistung vor allem auf der Ebene der Darstellung. Friedländer findet eine Erzählebene, die immer noch wissenschaftlich nüchtern, dabei aber niemals unterkühlt ist. Er lässt sich zu keiner linearen Geschichte verführen, die sich vor allem an den Intentionen der Täter auf den obersten Machtebenen orientiert, sondern folgt dem Geschehen bis an die entlegensten Orte. Dabei schont er die Juden keineswegs. Er schildert genau, wie sich an den unterschiedlichsten Orten (in den Gettos in Polen, im besetzten Frankreich) die alteingesessenen Juden von den neu hinzugekommenen abzugrenzen versuchten, wie sie sich auf angestammte Beziehungen beriefen, die ihnen ein Privileg gegenüber Flüchtlingen und Deportierten verschaffen sollten, zu denen sie selbst bald zählten.

Friedländer schreibt in das Bewusstsein der breiteren Öffentlichkeit, was die Fachwelt schon lange wusste, was sich aber aus den Einzeluntersuchungen noch nicht mit der gebotenen Klarheit herauskristallisiert hat: dass die deutsche Judenvernichtung ein europäischer Prozess war, an dem sich die lokale Bevölkerung an vielen Orten beteiligen ließ. Von allen Orten, von Frankreich nach Rumänien, von Skandinavien bis ins Warschauer Getto, hat Friedländer Zeugnisse aufgetan. In diesen Berichten brechen sich die Direktiven und Beschlüsse der nationalsozialistischen Elite. In der Forschung wurde lange darüber diskutiert, zu welchem Zeitpunkt die "Endlösung" als organisierter Genozid begann, und auf welche Weise Hitler den Befehl dazu gegeben hat. Bei Friedländer verschwindet dieses Problem. Er beschreibt, wie die Judenfrage auf der Ebene der politischen Propaganda von Beginn des Kriegs an den zentralen "Mobilisierungsmythos" darstellte, ohne dass er daraus ableiten würde, dass Hitler schon 1939 (als er den Untergang der Juden in einer allgemeinen "Prophezeiung" ankündigte) genau gewusst hätte, welche Maßnahmen die nächsten Jahre bringen würden. Das Töten begann mit den Eroberungen im Osten – die Gettos in den polnischen Städten waren die ersten Todeslager.

Friedländer führt die Stimmen der Opfer zusammen. Er verzichtet dabei aber keineswegs auf die schon bekannten, auch Ruth Klüger und Primo Levi finden hier noch einmal Gehör. Die Geistesgeschichte der Erinnerung an die Schoah ist implizit ständig präsent. Für die Schriftstellerin Katharina Hacker verknüpft sich mit Friedländers Buch eine geschichtsphilosophische Hoffnung: "Würde die Geschichte der Opfer des Nationalsozialismus wahrhaft und angemessen (im Sinne einer Adäquatio) erzählt, so wäre das eine Pforte, durch die der Messias eintreten könne – alles sei dann, wie der oft zitierte Midrasch vermerkt, ebenso wie vorher, aber doch um ein Winziges verrückt. Mit Friedländers Büchern gibt es nun diese gültige Darstellung. Was aber geschieht denn, da man sie liest? Kein Engel hält inne, um zu trösten, nichts ist verrückt und nichts gerettet, und was in der klügsten, tröstlichsten Sprache berichtet wird, scheint noch schwärzer und hoffnungsloser."

Das liegt wohl auch daran, dass Friedländer dem Erzählen letztendlich misstraut. Sein Werk setzt sich aus Details zusammen, er zielt nicht auf das Panorama, auch wenn es im Endeffekt trotzdem entsteht. Es ist aber ein Panorama, in dem keine einzelne Stimme verloren geht: nicht die von Adam Czerniaków, der aufschrieb, was im Warschauer Getto geschah; nicht Zalman Gradowski, der Chronist des Sonderkommandos in Auschwitz. Die Stimmen bilden keinen Chor, es geht eben gerade nicht um einen anschwellenden Klagegesang, sondern um ein dauerhaft konzentriertes Gehör und ein geschärftes Auge.

Dass er über die Darstellungsproblematik intensiv nachdenkt, hat Friedländer 1982 mit einem kleinen, essayistischen Buch über Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus bewiesen. Er untersuchte darin, wie sich das Bild des Nationalsozialismus allmählich wandelte: "Die Aufmerksamkeit verlagerte sich schrittweise von der Evokation des Nazismus selbst, von Grauen und Schmerz – selbst wenn durch die Zeit gemildert und verwandelt in leise Klage und endlose Meditation – zu wollüstiger Beklemmung und hinreißenden Bildern, Bildern, die man unentwegt wiedersehen will." Dieser Befund, der ein Fortleben des Todeskitsches des Dritten Reichs in der faszinierten Betrachtung durch die Nachgeborenen feststellte, hat sich in den 25 Jahren seit dem ersten Erscheinen des Buches massenkulturell bestätigt. Die nationalsozialistischen Täter sind zu einem medialen Stimulus geworden, ihre Bilder werden unter dem Vorwand der historischen Aufarbeitung zu Attraktionen. Zu dieser Tendenz steht Friedländers Werk quer: Bei ihm ist der Bericht über die Jahre der Verfolgung und der Vernichtung tatsächlich eine "endlose Meditation", die mit der Veröffentlichung seiner beiden Bücher immer nur vorläufig abgeschlossen werden kann. (Bert Rebhandl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.07.2007)

Saul Friedländer, "Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939". Aus dem Engl. von Martin Pfeiffer, €30,80/458 Seiten. Beck, München 2007. (Neuauflage)
Saul Friedländer, "Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Vernichtung 1939–1945". Aus dem Engl. v. M. Pfeiffer, € 35,90/869 Seiten. Beck, München 2007.

Bert Rebhandl lebt als freier Autor in Berlin und schreibt regelmäßig für den Standard und die FAZ.
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    Friedländer schreibt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, was die Fachwelt schon lange wusste und noch nicht mit der gebotenen Klarheit herauskristallisiert hat: dass die deutsche Judenvernichtung ein europäischer Prozess war.

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