"Müssen etwas unbritisch sein"

26. Juli 2007, 17:01
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Staatssekretär West fordert Bevölkerung auf, Verdächtige den Behörden zu melden - Polizeihaft ohne Anklage verlängert

Alan West, der britische Staatssekretär für Sicherheit, fordert die Menschen dazu auf, verstärkt „Beobachtungen“ an die Polizei weiterzugeben. Der Aufruf, besser auf die Nachbarn zu achten, richtet sich vor allem an Muslime.

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Ayman al-Zawahiris letzte Botschaft war eindeutig. Das „böswillige Großbritannien“ werde eine „sehr genaue Antwort“ erhalten, drohte Al-Kaidas ägyptischer Vizechef. Al-Zawahiris Zorn richtet sich gegen die Entscheidung der Regierung, den britischen Autor Salman Rushdie durch die Queen zum Ritter schlagen zu lassen. Die Drohung durch Osama Bin Ladens Weggefährten erhielt aus der Downing Street die obligatorische Antwort. Premierminister Gordon Brown habe ja schon mehrfach betont, sagte ein Regierungssprecher, „dass wir unseren britischen Lebensstil nicht von Terroristen untergraben lassen“.

Browns Haltung nach den fehlgeschlagenen Autobombenanschlägen von London und Glasgow erhielt viel Zustimmung in den britischen Medien; vor allem wurde die Tatsache gelobt, dass er nicht unmittelbar nach den Anschlägen schärfere Gesetze angekündigt hatte.

Polizeihaft ohne Anklage verlängert

Elf Tage danach, am Mittwochnachmittag, war es soweit: Da machte Brown im Unterhaus deutlich, dass er sich eine Verlängerung der Polizeihaft ohne Anklage über die bisher schon möglichen 28 Tage hinaus wünscht. Und der neue Staatssekretär für Sicherheit Alan West wünschte sich gar öffentlich eine Abkehr von der urbritischen Tugend des toleranten Wegsehens. „Wir müssen ein bisschen unbritisch sein und unsere Beobachtungen auch weitergeben“, sagte West.

Der Appell ist ein de facto Aufruf, die Nachbarn zu bespitzeln. West wendete sich vorrangig an die muslimische Minderheit, aus deren Reihen sämtliche Terroranschläge der jüngsten Zeit verübt wurden. Aber Regierungsvertreter wie West reden dieser Tage nur von „Kriminellen“, nicht von muslimischen Extremisten. Die ideologischen Hintergründe der Anschläge werden ebenso verschämt verschwiegen wie der Bezug zu den Einsätzen der britischen Truppen im Irak und in Afghanistan, die zur Radikalisierung junger Muslime entscheidend beigetragen haben.

In dieser Hinsicht ist der „britische Lebensstil“, von dem Brown dieser Tage mit Vorliebe spricht, tatsächlich unverändert – ebenso wie das für sein bürokratisches Durcheinander berüchtigte Innenministerium weiterhin schlechteste britische Tradition hochhält.

Während Brown kürzlich „verstärkte internationale Kooperation“ im Kampf gegen den Terrorismus anmahnte, handeln seine Beamten ganz anders. Die internationale Polizeibehörde Interpol hat gerade Zahlen veröffentlicht, die Bände sprechen. Demnach hat die Schweiz im Monat rund 300.000-mal die Datenbank der in Lyon ansässigen Behörde abgefragt. Die Briten hingegen machen gerade mal 50 Anfragen im Monat. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2007)

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    Treffen radikaler Muslime im britischen Cumbria im Mai 2004. Premier Brown will die Antiterrorgesetze erneut verschärfen.

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