Lockenhaus: Wirtshausmenü der reinen Töne

16. Juli 2007, 11:46
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Begeisternd: Gidon Kremer und Martha Argerich mit Bartók

Lockenhaus – Lockenhaus ist anders. Ob das erst am Vortag genau festgelegte und wie ein Wirtshausmenü auf Tafeln geschriebene Konzertprogramm, die Überlänge der Konzerte oder die Begeisterungsfähigkeit des Publikums: Das kleine, nun schon 26 Jahre stattfindende Festival in der burgenländischen Gemeinde Lockenhaus zieht seit Jahren magisch Kammermusikfreunde wie Interpreten an und hat sich so von einem Underdog der klassischen Musikszene zu einem der künstlerisch renommiertesten Festivals in Österreich entwickelt.

Das unter dem Motto "Vokal – Instrumental" stehende Konzert in der ortsansässigen Pfarrkirche hatte dabei einen besonderen Stellenwert. Die argentinische Starpianistin Martha Argerich war gekommen, um Werke von Béla Bartók – neben Beethoven und baltischen Komponisten einer der diesjährigen programmatischen Schwerpunkte – zu spielen. Am Programm standen die gemeinsam mit Gidon Kremer interpretierte 1. Violinsonate sowie die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug.

Argerich und Kremer hatten nicht nur sichtbare Freude am gemeinsamen Spiel, sie modellierten die rhythmischen, klanglichen und harmonischen Raffinessen auch plastisch aus dem Notentext heraus. Die Essenz dieser Exegese war eine faszinierende, da in sich stimmige Mischung aus Energie und Leichtigkeit, aus rhythmischer Eleganz und gnadenloser Präzision. Wie harmlos daneben das 2006 geschriebene "Pasticcio à la Rossini" des baltischen Komponisten Peteris Plakidis, mit dem die Kremerata Baltica das vierstündige Konzert eröffnete.

Stürmischer Jubel dagegen bei Bartók, so auch bei der Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug. Zu Argerich gesellten sich der ebenfalls aus Argentinien stammende Pianist Nelson Goerner sowie die beiden Schlagwerker Andrej Pushkarev und Dmytro Marchenko. Die Akustik der Pfarrkirche drohte zu mitternächtlicher Stunde dabei fast aus den Nähten zu platzen, so als ob sich die katholische Welt an den diabolisch wilden, aber mit prächtiger Genauigkeit gespielten Klängen reiben würde.

Ildikó Raimondis und Charles Spencers Interpretationen von Beethoven-Liedern waren dagegen die Sanftmut in Person. Raimondis helles und mit außerordentlichem Feingefühl geführtes Timbre versponn sich dabei nicht selten so dicht mit Spencers Klavierbegleitung, dass beide eine klanglich untrennbare Einheit bildeten. Sehr lyrisch und voller Klangschattierungen auch Peter Bruns Cellospiel in den Händel-Variationen Beethovens, etwas flach allerdings die Interpretation von Beethovens Erzherzog-Trio durch das Trio di Parma. Ja, es war wirklich ein langes Konzert. (Robert Spoula / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.7.2007)

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