Lustig ist etwas anderes

31. Juli 2007, 18:53
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In einer exquisiten Werkschau zeigt die derzeit an der Berliner Volksbühne residierende amerikanische Choreografin Meg Stuart, wie düster das Komische in ihrer Kunst sein kann

Gezeigt werden "It’s not funny!", "Blessed" und "Solos & Duets".

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Ein Spaßvogel ist Meg Stuart nicht. Die Tänzer in ihrem Stück It’s not funny! sind trotzdem Witzfiguren. Das starke, wenn auch ambivalente Gefühl für Humor der 42-jährigen aus den USA stammenden Künstlerin, die zur Zeit an der Berliner Volksbühne residiert, sollte nicht unterschätzt werden. Ebenso ihre Gewitztheit, dieses Gefühl so vorzuführen, dass aus seiner Schwärze eine Clownerie als schauerliches Alien geboren wird, das dem schreckgespenstigen Spaßmacher aus Stephen Kings Roman Es um nichts nachsteht.

Ein Verdienst von Kings Horrorklassiker ist, dass er mit dem nostalgischen Flair des Zirkus aufräumt. In It’s not funny! erscheint Es transformiert in seiner Verkörperung durch den brillanten französischen Choreografen Boris Charmatz. Charmatz ist der Stargast in Stuarts Show.

Meg Stuarts Verdienst ist es, dass sie mit der Harmlosigkeit der spektakulären Rollenumkehr in Es aufräumt. Sie parkt das Spektakel samt seiner Kritik in einem Leerraum, der alles zur Rhetorik macht: die sophisticateden Formeln des popkulturellen Referenznarzissmus, das zynische postmoderne Ironieverhalten und die daraus resultierende Vagheit der zur Zitatenorgel verbauten poststrukturalistischen Faschiermaschine sowie ihrer Diskursfolklore.

Dafür lässt die Choreografin ihre Darsteller ordentlich auflaufen. Nichts darf gelingen. Weder die dargestellte Peinlichkeit noch die Opferrolle, auch nicht das Scheitern im Vorführen des Peinlichen.

Apokalypse in Karton

Die zweite Stuart-Arbeit, die ImPulsTanz in diesem Sommer zeigt, heißt Blessed. Ganz in Weiß gewandet und mit Badeschlapfen schlurft da der Tänzer Francisco Camacho in einer Szenerie aus Pappe umher: eine schöne Palme, ein stolzer Schwan und ein Häuschen samt Stuhl. Möbel aus Karton sollten nicht feucht werden. Kein Wunder, dass das kleine Idyll in sich zusammenfällt, sobald es aus unzähligen Düsen in Strömen zu regnen beginnt. Was dann passiert, wird manch eine(n) zu richtig philosophischen Betrachtungen anregen ...

Im Odeon zeigt Stuart überdies noch – damit ist die kleine Werkschau perfekt – fünf außergewöhnliche "Solos & Duets". Doch mehr davon im nächsten ImPulsTanz-Spezial in einer Woche. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 10.07.2007)

>> "It’s not funny!" im Volkstheater, 22. 7., 21.00; "Blessed" im Kasino am Schwarzenbergplatz, 28.+30. 7., 21.00
  • Nichts darf gelingen, weder die Opferrolle noch das Vorführen des Peinlichen: "It’s not funny!"
    foto: van der burght

    Nichts darf gelingen, weder die Opferrolle noch das Vorführen des Peinlichen: "It’s not funny!"

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