Black Label

8. Juli 2007, 17:00
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Diese Frau ist eine Ikone der Modewelt - nicht nur wegen ihres Äußeren - Diane Pernet betreibt den weltweit interessantesten Fashion-Blog

Diane Pernet besitzt einen roten Bademantel - und sie trägt ihn auch. Das ist eine Information, die in der internationalen Modeszene für einige Unruhe sorgen könnte. So, als wenn man plötzlich erfahren würde, dass Frau Wintour im Geheimen Kunstpelz trägt.

Diane Pernet trägt nämlich schon seit mehr 20 Jahren Schwarz. Schwarze Röcke und schwarze Flatterblusen, einen schwarzen Turban und schwarze Sonnenbrillen. So kennt man sie in der Modewelt von Paris bis Tokio, und es ist nicht zuletzt dieser Gothic-Look, der sie zu einer der Ikonen der Mode gemacht hat. Rot kommt in diesem Bild nicht vor.

Dabei, sagt Pernet, liebe sie Farben: "Meine Wohnung in Paris ist knallig bunt. Nur meine Kleider sind schwarz - mit Ausnahme des Bademantels." Wir sitzen in einem der herausgeputztesten Wiener Kaffeehäuser. Jedes Mal, wenn der Kellner vorbeirauscht, blickt er irritiert auf die Frau im sizilianischen Witwenkostüm. Auf ihrem kunstvoll hochgesteckten Turban glitzern Schneckenhäuser. Die "Anna Wintour des Internets" hat man die Amerikanerin genannt.

Mode-Bloggerin

"Ich soll einflussreich sein?", wispert sie einem ins Ohr, und man muss ihr auf der Kaffeehausbank schon ziemlich auf die Pelle rücken, um ihre hingehauchten Worte zu verstehen. "Ich betreibe doch nur einen Blog." A Shaded View On Fashion: Das ist ihr Forum. Verwackelte Bilder findet man darauf und meist recht simple Mitteilungen. Diesen oder jenen Designer liebe ich. Oder: Dieses Outfit finde ich toll. Die Verlautbarungen der weltweit wichtigsten Mode-Bloggerin würde man sich eigentlich etwas anders vorstellen. Detaillierter, um nicht zu sagen: profunder.

Doch die Fachaufsätze schreibt Pernet anderswo. In unzähligen Magazinen (darunter auch im Wiener Placed) finden sich ihre Artikel. Das Internet ist für anderes da: Videos, Schnappschüsse und schnelle Mitteilungen an die Modewelt. 6000 Zugriffe verzeichnet die Seite täglich, nicht wirklich viel, doch die meisten Besucher sind Menschen aus der Modeszene. Für viele von ihnen ist Pernet einer ihrer wichtigsten Informationsdienste: Bei beinahe allen Festivals und Wettbewerben ist sie vor Ort, bei den Shows sitzt sie unübersehbar in der ersten Reihe. Danach geht sie mit den Designern auf einen Drink. Pernet ist einer der wichtigsten Talentsucher. Eine wandelnde Kontaktbörse. Die Geschwindigkeit der Mode ist rasant, in ihrem Blog hält Pernet als eine der Wenigen dagegen.

Schon lange haben herkömmliche Medien vor der Schnelligkeit der Mode kapituliert. Weblogs wie hintmag oder iqons dagegen haben in den vergangenen Jahren kontinuierlich an Terrain gewonnen. In der Branche spricht man von ihnen als "Net Force", und schon länger traut sich bei Modeschauen niemand mehr, ihre Vertreter in die hinteren Reihen zu verbannen.

Prêt-à-Porter

Im Normalfall aktualisiert Pernet ihren Blog mehrmals am Tag. "In meinem Leben passiert ja so viel", sagt sie und blickt dann auf Dino Dinco, der gemeinsam mit ihr nach Wien gekommen ist. Er lebt als Künstler in Los Angeles, gemeinsam mit Pernet hat er das Mode-Kurzfilmprojekt "You wear it well" ins Leben gerufen. Er ist einer der wichtigsten Informanten Pernets: "Meine Seite würde ohne meine Freunde in der Modewelt ganz anders aussehen." Und davon hat sie viele.

Seit Jahrzehnten ist Pernet in der Mode zu Hause. Geboren in der Nähe von Philadelphia, lebte sie in den Achtzigern als Designerin in New York. "Meine Designs wurden immer der Avantgarde zugerechnet, obwohl ich Trends tunlichst vermied. Meine erste Show war eine Hommage an Rainer Werner Fassbinder." Ihre Heroen: Pasolini, Fellini, Antonioni.

Als sie im Oktober 1990 nach Paris umzog, rückte ihr Europa auch räumlich näher. "Ich hielt es in New York nicht mehr aus. Die Stadt war so heruntergekommen." In Paris stattete sie Filme aus, arbeitete für TV-Modesendungen, war Redakteurin bei einem Modemagazin mit Sitz in Hongkong. Schließlich landete sie bei Elle und bei Vogue Paris. Ihren eigenen Blog gründete sie schließlich im Februar vor zwei Jahren.

Bekannt war die Lady in Black damals bereits wie ein bunter Hund. Als Robert Altman "Prêt-à-Porter" drehte (1994), war Pernet schon dabei. Als Trauer tragende Marie Antoinette saß sie mitten unter den Idolen ihrer Kindheit. Ob ihr auch nicht fad sei, habe sie der Regisseur gefragt. Was für eine Frage, kichert sie heute noch in sich hinein. Dann frischt sie ihre knallroten Lippen auf. Es ist die einzige Farbe, die sie sich in der Öffentlichkeit erlaubt. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/06/07/2007)

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